1. Mai 1946: Geschichte der Ruhrfestspiele beginnt

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Stichtag

1. Mai 1946: Geschichte der Ruhrfestspiele beginnt

Der eisige Nachkriegswinter 1946/1947 trifft auch die Hamburger Theater hart. Weil den Bühnen Heizmaterial fehlt, droht die Schließung. Da schickt ein findiger Verwaltungsdirektor auf der Suche nach Brennbarem zwei Lastkraftwagen ins Ruhrgebiet. Auf ihrem Weg entdeckt die Expedition bei Recklinghausen-Suderwich die Schlote der Zeche König Ludwig 4/5.


Unter den Hamburgern befinden sich auch Betriebsräte: Die Verständigung mit den Kumpeln fällt also nicht schwer. Die Lastwagen werden mit Kohle beladen und fahren, an den strengen Augen der britischen Militärpolizei vorbei, nach Hause. Die Hamburger Bühnen bleiben offen. Im folgenden Sommer kommt eine Gesandtschaft von Theaterleuten nach Recklinghausen, um aus Dankbarkeit für die Rettungsaktion vor den Kumpels zu spielen.

Politik und Drama

Die Kunstaktion aus Dankbarkeit ist der Beginn einer alljährlichen Verbrüderung von Kumpeln und Künstlern, bei der die Einnahmen in die Unterstützungskassen der Bergarbeiter-Invaliden fließen: Anton Tschechows "Der Heiratsantrag" und Mozarts Oper "Figaros Hochzeit" gehören zu den ersten Stücken. Vor allem aber ist es der Beginn der Ruhrfestspiele von Recklinghausen. "Ich kann mir eine andere und neue Art der Festspiele vorstellen", sagt der damalige Hamburger Bürgermeister Max Brauer im Sommer 1947 vor den Kumpels: "Festspiele nicht nur für Literaten und Auserwählte, sondern Festspiele inmitten der Stätten harter Arbeit. Ja, Festspiele im Kohlenpott vor den Kumpels. Ja, Festspiele statt in Salzburg in Recklinghausen."


Von Beginn an setzen die Ruhrfestspiele, die heute jedes Jahr am 1. Mai mit einem Kulturvolksfest eröffnet werden und bis Mitte Juni andauern, auf politisches Theater: Georg Büchner und Bertolt Brecht stehen ebenso auf dem Programm wie Jean-Paul Sartre oder George Tabori.

"Medea" aus Taschkent

1990 macht der Festspielleiter Hansgünther Heyme die Ruhrfestspiele zu einer Bastion des europäischen Theaters und sucht das Zusammenspiel mit internationalen Bühnen. Er holt eine "Medea" aus Taschkent und einen "König Lear" aus Spanien. Unter seiner Leitung steigt die Besucherzahl auf mehr als das Dreifache an.


Nach einem kurzen und erfolglosen Intermezzo des Chefs der Berliner Volksbühne, Frank Castorf, der 2004 unter anderem Festspiel-Autos mit Wagner-Musik unter der Regie von Christoph Schlingensief durch die Stadt fahren lässt, ist seit September 2004 Frank Hoffmann Festspielleiter. Er stellt das Experimentelle zugunsten der Spielfreude wieder in den Hintergrund. Der Erfolg gibt ihm Recht: Jedes Jahr kommen mehr als 75.000 Besucher.

Stand: 01.05.2011

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