17. Februar 2010 - Vor 90 Jahren: Die Anastasia-Legende entsteht

Stichtag

17. Februar 2010 - Vor 90 Jahren: Die Anastasia-Legende entsteht

Die junge Frau, die ein Polizist am 17. Februar 1920 aus dem Berliner Landwehrkanal zieht, atmet noch, spricht aber kaum. Im Krankenhaus wird sie genau befragt - damals ist ein Selbstmordversuch noch strafbar. Doch die Unbekannte zieht sich nur die Decke über den Kopf. Mit schweren Depressionen wird sie in eine Heilanstalt überwiesen. Zu diesem Zeitpunkt erscheint in einer Berliner Illustrierten wieder einmal ein Artikel zu einem Thema, das die Boulevardpresse bewegt: Angeblich hat jemand das Massaker der Bolschewiki an der russischen Zarenfamilie überlebt, die im Juli 1918 im Keller eines Hauses im sibirischen Jekaterinburg exekutiert worden war. Der Artikel wird von einer Mitpatientin in der Heilanstalt gelesen. Sie meint, in der Unbekannten eine Zarentochter zu erkennen.

Die Mitpatientin verbreitet ihre Vermutung in der russischen Emigrantengemeinde in Berlin. Die tatsächlich verblüffende Ähnlichkeit verstärkt den Glauben. Einige Russen holen die vermeintliche Zarentochter aus der Anstalt. "Da hat man sie am Ende mit einem Trick dazu gebracht, endlich zuzugeben, wer sie angeblich sei", sagt der deutsche Journalist Maurice Remy, der in den 1990er Jahren dazu beigetragen hat, die Identität der Frau aufzuklären. Auf einem Zettel werden die vier Namen der Zarentöchter notiert. Die Unbekannte soll jene durchstreichen, die nicht zutreffen. Übrig bleibt die jüngste Tochter von Nikolaus II.: Anastasia. "Das ist die Geburtsstunde der falschen Anastasia", so Remy.


64 Jahre lang hält die Frau die Welt und sich selbst zum Narren. Sie nutzt dabei detaillierte Insider-Kenntnisse. Erlebt oder antrainiert - das bleibt vor Gericht ungeklärt. Die überlebenden Verwandten der Romanows distanzieren sich von der angeblich wieder aufgetauchten Prinzessin. Anna Anderson - wie sich die Unbekannte nennt - verliert alle Prozesse um ihre Identität und damit den Anspruch auf das Erbe der Zarenfamilie. 1970 wird das letzte Verfahren eingestellt, damit enden 20 Jahre Rechtsstreit. Doch Anderson hat inzwischen in den Vereinigten Staaten reich geheiratet: den US-Millionär und Historiker John Manahan. Sie blüht kurz auf, dann folgen wieder Depression, Zwangseinweisung - und Flucht: Ihr Ehemann befreit sie aus der Klinik. Nach drei Tagen wird das Paar total erschöpft gefasst. Dann folgt der soziale Abstieg. Im Alter leben die beiden in einer Wohnung, die von vielen Katzen bevölkert ist und nach Urin stinkt.

1984 stirbt Anderson. Am Tag nach ihrem Tod wird ihr Körper eingeäschert und in Bayern beigesetzt. Zehn Jahre später findet der Journalist Remy eine alte Blutprobe bei einem deutschen Arzt, der Anderson in den 1950er Jahren Blut abgenommen hat. "Diese DNA wurde verglichen mit der damals schon publizierten DNA der Königsfamilie", erklärt Remy. Der Gen-Abgleich wird dadurch möglich, dass die Zaren eng mit den englischen Royals verwandt waren - und deren Daten sind zugänglich. Der Vergleich ergibt keine Übereinstimmung. Zum selben Ergebnis kommen DNA-Vergleiche einer Haar- und einer Gewebeprobe Andersons. Schließlich deutet alles auf eine polnische Bauerntochter mit Liebeskummer hin, sagt Remy. "Franziska Schanzkowska, das war ein Dienstmädchen, das zwar sein Leben lang davon träumte, zu Höherem berufen zu sein, aber dadurch noch keine echte Zarentochter geworden ist."

Stand: 17.02.10