11. Juni 2004 - Vor 20 Jahren: Enrico Berlinguer erliegt den Folgen eines Hirnschlags

Stichtag

11. Juni 2004 - Vor 20 Jahren: Enrico Berlinguer erliegt den Folgen eines Hirnschlags

Europawahlkampf in Padua. Der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) wirkt müde an diesem 7. Juni 1984. "Enrico, Enrico" skandieren die Zuschauer. Doch Enrico Berlinguer steht die Rede nur mit Mühe durch. Zurück im Hotel, fällt der 62-Jährige ins Koma. Er hat einen Hirnschlag erlitten. Vier Tage später, am 11. Juni 1984, ist einer der profiliertesten Eurokommunisten tot. Zu seiner Beerdigung, der größten Italiens, kommen 1,5 Millionen Menschen. Quer durch die politischen Lager wird der höfliche und zurückhaltende Berlinguer gewürdigt. Selbst der Vatikan lobt den "ernsthaften Einsatz" Berlinguers – allerdings natürlich "jenseits jeder politischen Bewertung".Groß gemacht haben den schmächtigen Sarden, der aus einer Aristokratenfamilie stammt, ein "eiserner Hintern" und neue Ideen. Ersterer, ein Spitzname, den ihm die Genossen verpassten, hilft ihm, die endlosen Sitzungen der Parteigremien durchzustehen. Schon mit 23 Jahren wird er ins Zentralkomitee der PCI gewählt. Er wird nacheinander Generalsekretär der kommunistischen Jugend, Direktor der Parteihochschule, Mitglied im Vorstand der Kommunistischen Partei Italiens, kommt schließlich ins Politbüro. Von 1968 an sitzt er in der Abgeordnetenkammer. Schon zuvor fällt Berlinguer durch – verhaltene – Kritik an China und der Sowjetunion auf.

Als er 1972 zum Parteichef gekürt wird, forciert er die vorsichtige Emanzipation der Kommunistischen Partei Italiens von der übermächtigen Schwester in der UdSSR. Seinen Kurs des "Eurokommunismus" teilt er mit anderen kommunistischen Parteichefs in Europa, etwa Santiago Carilla in Spanien oder Georges Marchais in Frankreich. Mit den dauerregierenden Christdemokraten in Rom müht sich Berlinguer um einen "historischen Kompromiss", der den Kommunisten den Zugang zur Macht ebnen soll. Im Rekordjahr 1976 erhält die PCI 34,4 Prozent der Wählerstimmen. Doch zu einer echten Regierungsbeteiligung der Kommunisten kommt es in der zwölf Jahre dauernden Ära Berlinguer nie. Sechs Tage nach seinem Tod triumphiert die Partei allerdings bei der Europawahl: Mit einem hauchdünnen Vorsprung verweist sie erstmals die Christdemokraten auf Platz zwei.

Stand: 11.06.04