31. Juli 2008 - Vor 105 Jahren: Einführung des Barbiturats Veronal

Stichtag

31. Juli 2008 - Vor 105 Jahren: Einführung des Barbiturats Veronal

Was verbindet den Satiriker Kurt Tucholsky mit Sex-Ikone Marilyn Monroe und Gitarren-Gott Jimi Hendrix mit "Ehrenwort"-Politiker Uwe Barschel? Sie alle haben unter nie ganz geklärten Umständen Selbstmord begangen - und bei jedem von ihnen wird nach dem Tod eine hohe Konzentration desselben Medikaments im Blut festgestellt: Veronal. Das Barbiturat gilt als erste kommerziell erfolgreiche Schlaftablette und macht als "Lifestyle-Droge" über ein halbes Jahrhundert lang  eine zweifelhafte Karriere. Sein Wirkungsspektrum, erklärt die Dortmunder Pharmazeutin Christine Othmer, verursacht dosisabhängig "eine Beruhigung, einen Schlaf, eine Narkose, ein Koma und schließlich den Tod".

Dem Chemiker Adolf von Baeyer gelingt 1863 erstmals die Synthese eines bald wichtigen Ausgangsstoffs. Den an sich harmlosen Harnstoff verband er in einem Kondensationsverfahren mit dem höchst gefährlichen Zellgift Malonsäure. Über die Namensgebung gibt es unterschiedliche Überlieferungen. Weil ihm seine Entdeckung am Namenstag der heiligen Barbara gelang oder wegen seiner damaligen Liebe zu einem Fräulein Barbara tauft er das Produkt "Barbitursäure". Doch es bleibt von Baeyers Schüler, dem 1852 bei Euskirchen geborenen Emil Fischer, vorbehalten, daraus ein für damalige Verhältnisse sensationelles Medikament gegen Schlaflosigkeit zu entwickeln. Angeregt durch Forschungen des Mediziners Joseph von Mering stellt der Chemie-Nobelpreisträger 1903 Diethylbarbiturat her. Erste Tests, zunächst an Hunden, dann an Patienten einer psychiatrischen Klinik, beweisen eine tief greifende und lang anhaltende Wirkung von Fischers Schlafmittel.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist es laut geworden in Deutschland. Die fortschreitende Industrialisierung und eine Explosion der Bevölkerungszahlen lassen vor allem in den Großstädten den Lärmpegel drastisch steigen. Jeder Vierte leidet unter Schlafstörungen. Auf ein Wundermittel wie das von Emil Fischer haben die Pharmaunternehmen Bayer in Leverkusen und Merck in Darmstadt sehnlichst gewartet. Am 31. Juli 1903 kommt die von seinem Erfinder auf den Namen "Veronal" getaufte Schlaftablette auf den Markt und macht Emil Fischer innerhalb weniger Jahre zum Millionär. Aber schnell zeigt sich, das der laut Werbung "erquickende Schlaf ohne lästiges Aufwachen" etliche Nebenwirkungen nach sich zieht. Es dauert Tage, bis Veronal im Körper abgebaut ist. Berichte über Suchtverhalten und Selbstmorde häufen sich. Auch die bald eingeführte Rezeptpflicht kann daran wenig ändern. Obwohl die Barbiturate nach dem Zweiten Weltkrieg unter Medizinern in Verruf geraten, geht Veronal noch bis Anfang der 60er Jahre in der Bundesrepublik über die Ladentheken.

Stand: 31.07.08