03. August 2008 - Vor 80 Jahren: Erste TV-Ansagerin Irene Koss wird geboren

Stichtag

03. August 2008 - Vor 80 Jahren: Erste TV-Ansagerin Irene Koss wird geboren

Eine Kamera, zwei Scheinwerfer und gerade genügend Platz für drei Personen: Das ist das erste Fernsehstudio des Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR), hoch oben im Bunker auf dem Hamburger Heiligengeistfeld. Seit 1950 unternimmt dort das noch unbekannte Massenmedium seine ersten Gehversuche. Weil nicht nur der Raum, sondern auch der Etat knapp ist, flimmern meist alte Filme über den Bildschirm. Eine 22-jährige Schauspielerin übt sich darin, den wenigen Zuschauern die alten Konserven, trotz Temperaturen von 40 Grad im Studio-Kabuff, auf charmante Weise zu servieren. Wenige Monate zuvor erst hat Irene Koss in Hannover neben einem jungen Kollegen namens Hardy Krüger ihr Bühnen-Debüt erlebt. Noch träumt sie von der großen Theater-Karriere. Tatsächlich kennt zwei Jahre später ganz Deutschland ihren Namen. Allerdings nicht als Schauspielerin, sondern aus der Flimmerkiste, als erste Ansagerin des deutschen Fernsehens.

"Deutschland, dein Lächeln" schreibt der "Stern" über die am 3. August 1928 in Hamburg geborene Irene Koss. Perfekt gestylt, seriös und sympathisch, präsentiert sie am 1. Weihnachtstag 1952 den offiziellen Sendestart der ARD. Und avanciert in kürzester Zeit zum populärsten Aushängeschild des Senders. Dabei hat ihr Job einen ganz profanen Hintergrund: Irene Koss und Kollegin Angelika Feldmann werden gebraucht, um die technisch bedingten Umschalt-Pausen zwischen den einzelnen Sendungen zu überbrücken. Die stets nur oberhalb der Gürtellinie präsente "Dame ohne Unterleib" erhält waschkörbeweise Zuschauerpost, meist von heiratswilligen älteren Herren oder von jungen Mädchen, die auch "so schrecklich gern Ansagerin werden" möchten. Dass die für ihre exquisite Garderobe bewunderte Frau Koss immer nur oben herum gestylt ist, erfährt natürlich niemand. Unter der Tischkante trägt der TV-Star meist Schottenrock und Wollstrümpfe zur festlich dekolletierten Bluse.

Den Mann ihres Lebens findet Irene Koss nicht in der Fanpost, sondern 1961 neben sich auf dem Moderatorenplatz bei der Fernseh-Lotterie "Ein Platz an der Sonne". Hals über Kopf verliebt sich Deutschlands Darling in Sammy Drechsel, den bekannten Sportreporter und Mitbegründer der Münchener Lach- und Schießgesellschaft. Nach ihrer Heirat im folgenden Jahr gibt Irene Koss-Drechsel die Fernseh-Karriere auf, wird Hausfrau und Mutter zweier Töchter. Nebenbei schreibt sie Kinderbücher und liest auf Schallplatten Märchen vor. Den frühen Tod von Sammy Drechsel im Januar 1986 kann Irene Koss kaum verkraften. Trost findet sie als guter Geist hinter den Kabarettkulissen der Lach- und Schießgesellschaft. Sie macht Kasse, schmiert Brote, betreut die Ehrengäste und erstellt ein umfangreiches Archiv aller gespielten Programme. Obwohl schwer an Krebs erkrankt, bleibt Irene Koss bis kurz vor ihrem Tod am 1. Mai 1996 auf dem Posten. "Irgendwie war sie wie unser Bundespräsident", sagt die trauernde Bühnenchefin und Drechsel-Nachfolgerin Cathérine Miville.

Stand: 03.08.08