24. Juli 2006 - Vor 95 Jahren: Hiram Bingham findet die Inkastadt Machu Picchu

Stichtag

24. Juli 2006 - Vor 95 Jahren: Hiram Bingham findet die Inkastadt Machu Picchu

Der Indio Melchor Arteaga weiß den Weg. Der Bauer und seine Familie leben selbst in einem alten Inka-Haus. Von dort aus führt er die sieben Weißen einen steilen Pfad zwischen senkrechten Felswänden hinauf. Auf einem Plateau in 2.360 Metern Höhe steht die Expedition plötzlich vor einer Ruinenstadt: "Ein Gewirr weißer Mauern, überwuchert von grünem Gestrüpp", schreibt Expeditionsleiter Hiram Bingham. "Aberdutzende zerfallene Gebäude. Paläste, Tempel, Wohnhäuser und Wachposten. Allesamt aus prachtvoll behauenen Granitblöcken." Bingham hat an diesem 24. Juli 1911 eine vergessene Inka-Stadt gefunden. Nach dem gegenüberliegenden Anden-Gipfel nennt er sie "Machu Picchu" - Alter Gipfel.Hiram Bingham, Missionarssohn aus Honolulu, ist Historiker und Abenteurer. Er hat schon auf zwei Reisen Südamerika durchquert. Jetzt finanziert ihm der Erdöl-Milliardär Edward Harkness eine Expedition in Peru. Eigentlich soll es um die Geografie des Hochlands gehen. Auch will Bingham die höchsten Sechstausender des Landes besteigen, was ihm nur teilweise gelingt. Den erhofften Ruhm bringen ihm die Ruinen des von den spanischen Konquistadoren zerstörten Inka-Staates. Für diesen Ruhm interpretiert Bingham sein Machu Picchu später als die letzte Zufluchtsstätte, den Rückzugsort der Inka vor dem Eroberer Pizarro. In Wahrheit liegt der im Dschungel: Vicabamba, 35 Kilometer vom "Alten Gipfel" entfernt. Bingham macht Karriere, wird Senator in Washington. Machu Picchu wird zur Touristenattraktion und ist mittlerweile so überlaufen, dass die UNESCO schon damit drohte, es auf die Liste des bedrohten Weltkulturerbes zu setzen.

Was die Besucher jetzt bedrohen, haben sie Spanier nie gefunden: Machu Picchu war schon verlassen, als Pizarro 1532 ahnungslos unter dem Steilhang vorbeizog. Dabei wurde die Stadt als letzte des Inka-Reiches erst um 1450 erbaut. Die Steinquader dafür wurden mit wassergetränktem Holz aus dem Fels gesprengt oder auf Rollen über weite Strecken herbeigebracht. Die Inka bewegten Blöcke von über 100 Tonnen Gewicht - ohne Wagen und ohne Zugtiere. Und sie setzten sie so ineinander, dass man kein Stück Papier in die Fugen schieben kann. Aber sie hinterließen keine Inschriften. So bleibt die Stadt in den Bergen so anziehend geheimnisvoll, wie sie es für Hiram Bingham war.

Stand: 24.07.06