Stichtag

21. Januar 1979 - Komitee "Ein Schiff für Vietnam" gegründet

Ausgemergelte Menschen in überladenen Booten, den Angriffen von Wind, Wellen und Piraten hoffnungslos ausgeliefert: Diese Bilder erschüttern Ende der 70er Jahre die deutsche Öffentlichkeit. Hunderttausende Vietnamesen fliehen damals aus ihrem Land. Seit dem Ende des Kriegs zwischen Nord- und Südvietnam 1975 drohen ihnen Folter und Tod in den Umerziehungslagern der siegreichen Kommunisten aus dem Norden. Ihr Ziel sind die Inseln Malaysias und Indonesiens. Doch viele dieser "Boat People" kommen nie dort an.

Le Thanh Long gehört zu den Glücklichen, die gerettet werden. Eine Woche trieb er mit seinem Bruder auf dem Südchinesischen Meer. "Als wir das Riesenschiff gesehen haben, da liefen nur noch Tränen", erinnert sich der heute 49-Jährige. Das Schiff, das sie 1982 aus dem Wasser fischt, heißt "Cap Anamur" und kommt aus Deutschland. Später erfährt Le Thanh Long, dass er seine Rettung einem Mann namens Rupert Neudeck verdankt.

"Wir müssen das tun"

1978 waren bereits 1.000 "Boat People" in die Bundesrepublik geflogen worden. Eingepfercht hockten sie auf einem schrottreifen Schiff, weil kein Land sie aufnehmen wollte. Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht organisierte damals einen Hilfseinsatz und gewährte den Flüchtlingen in seinem Bundesland Asyl. "Das war die Vorstufe für all das, was wir später gemacht haben", sagt Rupert Neudeck. Der Kölner Journalist will sich nach Albrechts einmaliger Hilfsaktion nicht damit abfinden, dass die immer noch in Massen aufs Meer fliehenden Vietnamesen ihrem Schicksal überlassen werden.

In Frankreich erfährt Neudeck Anfang 1979 von der Gründung eines Komitees "Un bateau pour le Vietnam" (Ein Schiff für Vietnam). Doch den Franzosen fehlt das Geld. Spontan beschließt Neudeck, die Organisation zu unterstützen. Noch auf der Zugfahrt von Paris nach Köln schreibt er einen Bittbrief an den Schriftsteller Heinrich Böll. Zwei Tage später ruft der Nobelpreisträger zurück: "Wir müssen das tun und ich bin dabei." Gemeinsam mit Böll und seiner Frau Christel gründet Neudeck das deutsche Komitee "Ein Schiff für Vietnam".

Kein „Schiff für Afrika“

Nach einem ARD-Bericht im Sommer 1979 gehen mehr als 1,2 Millionen Mark an Spenden ein, für Neudeck ein klarer Auftrag der Öffentlichkeit: Die Deutschen wollen ein eigenes Schiff. In Japan chartert der Verein die 118 Meter lange "Cap Anamur". Doch vor dem ersten Einsatz wird der zum Hospitalschiff umgebaute Frachter von der indonesischen Marine geentert. Erst als die Bundesregierung die Aufnahme aller geborgenen Flüchtlinge garantiert, darf die Besatzung um Rupert Neudeck die ersten Schiffbrüchigen an Bord nehmen. Bei 28 Fahrten ins Südchinesische Meer rettet die "Cap Anamur" insgesamt rund 10.000 Vietnamesen aus akuter Seenot.

Wie Le Thanh Long finden sie in der Bundesrepublik eine neue Heimat. Der 18-jährige Flüchtling studiert und besitzt heute eine Maschinenbaufirma in Mönchengladbach. 1982 wird die von Neudeck gegründete Organisation in "Komitee Cap Anamur / Deutsche Notärzte" umbenannt und ihre Einsätze auf zahlreiche Krisenregionen der Welt ausgeweitet. 25 Jahre nach "Ein Schiff für Vietnam" ertrinken wieder hunderte von Menschen, diesmal aus Afrika, diesmal im Mittelmeer. Doch als die "Cap Anamur" 2004 in italienischen Gewässern 37 Schiffbrüchige vor dem sicheren Ertrinken rettet, wird das Schiff beschlagnahmt, der Kapitän festgenommen und den Geretteten Asyl verweigert. Das Sterben vor der Insel Lampedusa geht weiter. Ein "Schiff für Afrika“ ist auch zehn Jahre danach immer noch nicht in Sicht.

Stand: 21.01.2014

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