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WDR Jazzpreis 2021 für Tamara Lukasheva, Matthias Muche und Rabih Lahoud

Tamara Lukasheva, Rabih Lahoud, Matthias Muche

WDR Jazzpreis 2021 für Tamara Lukasheva, Matthias Muche und Rabih Lahoud

Tamara Lukasheva, Matthias Muche und Rabih Lahoud werden in den Kategorien Komposition, Improvisation und Musikkulturen ausgezeichnet. Der Nachwuchspreis geht an die Süd Beat Big Band des Humboldt-Gymnasiums in Köln. Das PENG Kollektiv in Essen erhält den Ehrenpreis.

WDR Jazzpreis 2021 - Das sind die PreisträgerInnen

WDR 3 Jazz & World 29.10.2020 05:27 Min. Verfügbar bis 27.10.2021 WDR 3


Preisträgerin in der Kategorie Komposition: Tamara Lukasheva

Tamara Lukasheva

Als eine vielfältig versierte Sängerin allererster Güte ist Tamara Lukasheva in der breit gefächerten Kölner Szene seit langem eine gefragte Größe, bei der sich schon bald, nachdem sie 2010 ein Studium an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln aufgenommen hatte, herausstellte, dass sie nach mehr strebte, als nur als Sängerin in Erscheinung zu treten.

Mit ihrer Stimme fremden Kompositionen zu Momenten besonderen Glanzes und besonderer Emotionalität zu verhelfen, mag befriedigend sein, doch Tamara Lukasheva wollte mehr, wollte ihre Vielseitigkeit und ihre besondere, osteuropäisch getönte, musikalische Prägung umfassender zur Geltung zu bringen. Konsequent arbeitete sie daran, Verantwortung auch für das musikalische Material zu übernehmen, zu komponieren und zu arrangieren und eigene Projekte zu initiieren.

Tamara Lukasheva - WDR Jazzpreisträgerin Komposition

WDR 3 Jazz & World 29.10.2020 13:23 Min. Verfügbar bis 27.10.2021 WDR 3


Geboren 1988 in Odessa im Süden der Ukraine und dort auch aufgewachsen, hatte sie bereits mit fünfzehn am Konservatorium in ihrer Geburtsstadt studiert, um schließlich nach Köln zu ziehen, wo sie bereits während ihres Studiums an der Hochschule für Musik und Tanz nicht nur in vielen Bands, Projekten und Sessions aller Größenformate und Gewichtsklassen mitspielte, sondern auch ein eigenes Quartett gründete, mit dem sie besonders markante Spuren hinterlässt. Immer deutlicher tritt nun zutage, dass aus der einfühlsamen Sängerin und kreativen Improvisatorin, eine vielversprechende Klangarchitektin geworden ist, die es versteht, ihre expressive, eigene Klangsprache ohne Reibungsverluste in musikalische Struktur zu übersetzen.

Die Zusammenarbeit der Sängerin mit der WDR Big Band, bei der sie als Sängerin/Solistin sowie als Komponistin/Arrangeurin sowohl vor wie auch hinter dem Pult steht, verspricht ein musikalisches Abenteuer, sowohl für Tamara Lukasheva wie auch für die WDR Big Band und das Publikum. Seit 2020 ist Tamara Lukasheva zudem Teil von „NICA artist development“, der Exzellenzförderung des Landes für junge Musikerinnen und Musiker im Bereich Jazz und aktuelle Musik.

Preisträger in der Kategorie Improvisation: Matthias Muche

Matthias Muche

Ein Mann in seinem Labor, in seiner Werkstatt, dort wo die Posaune steht, sein Instrument. Matthias Muche ist ein Forscher, ein ausgewiesener Virtuose der Improvisation, der beharrlich daran arbeitet, neue Türen aufzuschließen und sein instrumentales Können aus wechselnden Perspektiven zu reflektieren.

Ein Posaunist, der in immer wieder neuen Begegnungen mit Fachkollegen den Fokus seiner Forschungsarbeit auf die vielfältigen Potentiale dieses Instruments richtet, das der menschlichen Stimme möglicherweise näher kommt als andere. Sei es in der zarten Intimität eines Posaunen-Duos oder auf der großen Leinwand von Bonecrusher, wo drei Posaunisten als Solisten sich auf einem Klanggrund bewegen, den 3 x 3 = 9 Posaunisten im Zusammenspiel mit zwei Perkussionisten legen: Matthias Muche versteht es, die Posaune in Szene zu setzen. Und damit auch sich selbst und die Wandlungsfähigkeit und Innovationshöhe seiner musikalischen Intuition.

Matthias Muche - WDR Jazzpreisträger Improvisation

WDR 3 Jazz & World 29.10.2020 12:21 Min. Verfügbar bis 27.10.2021 WDR 3


1972 ist Matthias Muche in Bielefeld geboren, er studierte sein Instrument am Conservatorium van Amsterdam, am Rotterdams Conservatorium und an der Hochschule für Musik und Tanz und an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Dort war er schon bald gefragt als ein Improvisator, der auf der Basis virtuosen Könnens und einer enorm physischen Bühnenpräsenz die Grenzen konventioneller Jazzperformance durchbricht und jenseits eingetretener Pfade immer wieder neue Forschungsabenteuer in Sachen Klang sucht.

Ein Meilenstein dieser Suche war die Gründung von Zeitkunst, einer Plattform zur „Förderung und Vermittlung audiovisueller Kunst“ und des Festivals „Frischzelle“ im Jahr 2004, bei dem die Trennung zwischen klassischen und elektronischen Instrumenten aufgelöst ist.

Preisträger in der Kategorie Musikkulturen: Rabih Lahoud

Rabih Lahoud

Es ist eine zarte, eigentümlich gewinnende Musik, die das Quartett Masaa spielt, zart und melodisch, fast schon durchscheinend in seiner freundlichen Raffinesse, eine Musik mit mediterranem Flair, balancierend auf der Grenzlinie, wo sich die wohltemperierte Klarheit der europäischen Tradition und der mikrotonale Reichtum des Orients begegnen, eine Musik, die ihre Haken und Narben erst beim genaueren Hören enthüllt, und besonders dann, wenn die Stimme einsetzt, die Stimme von Rabih Lahoud, ein unprätentiöser, unaufgeregter Tenor mit einer enormen Tiefe und Wandlungsfähigkeit.

Rabih Lahoud - WDR Jazzpreisträger Musikkulturen

WDR 3 Jazz & World 29.10.2020 12:23 Min. Verfügbar bis 27.10.2021 WDR 3


1982 im vom Bürgerkrieg zerrissenen Libanon geboren, machte Rabih Lahoud seine ersten musikalischen Schritte in Byblos, einer der ältesten Städte der Menschheit nördlich von Beirut, wo er neben den Gesängen der maronitischen Liturgie das System der arabischen Maqams und die aramäische Gesangstradition erlernte. Mit 15 ging er ans Konservatorium von Beirut, studierte neben den Gesangskursen auch Klavier studierte und beschloss vier Jahre später, seine Studien in Europa fortzusetzen, wo er in Markus Stockhausen einen Mentor fand, der ihn mit der jazznahen Improvisation in Berührung brachte.

Seit acht Jahren ist Lahoud die Stimme von Masaa, dem mittlerweile mehrfach preisgekrönten Quartett, mit dem er seitdem vier Alben veröffentlicht hat. Daneben spielt er weiterhin mit Markus Stockhausen zusammen und wird von großen Festivals und Ensembles wie dem WDR Funkhausorchester oder den Hamburger Symphonikern als Solist für Produktionen angefragt, die konventionelle Grenzziehungen zwischen den Genres sprengen. Zudem arbeitet er als Komponist und ist vielbeschäftigt als Gesangsdozent beispielsweise an der Popakademie Mannheim und an der Hochschule für Musik Carl-Maria-von-Weber in Dresden. Kurz: Rabih Lahoud ist der Prototyp eines musikalischen Brückenbauers, eine der zentralen Persönlichkeiten im Bereich der World Music in Deutschland.

Preisträger des Ehrenpreis: PENG Kollektiv

PENG Kollektiv

Man kann in der Minderheit sein, schräg angesehen, ausgegrenzt und diskriminiert und kann das einfach hinnehmen. Kann einfach weiterarbeiten, immer in der stillen Hoffnung, dass Qualität sich durchsetzt und gerechte Verhältnisse sich von selbst einpendeln, irgendwann. Man kann auch die männliche Übermacht im Jazz für normal halten, vor allem, wenn man ein Mann ist, war ja schon immer so. Und wird dann auch immer so bleiben. Oder man macht es anders!

PENG Kollektiv - WDR Jazzpreisträgerinnen Ehrenpreis

WDR 3 Jazz & World 29.10.2020 13:33 Min. Verfügbar bis 27.10.2021 WDR 3


Vor 5 Jahren tauschten sich Musikerinnen aus dem Umfeld der Folkwang Hochschule über ihre Situation in der Jazzwelt aus. Schnell wurden die Hindernisse zum Thema, die ihnen als Frauen im Weg stehen – was zunächst als individuelle Schwierigkeit erscheint, wurzelt nur zu oft in Strukturen. Der Erfahrungsaustausch führte zum Entschluss, sich kollektiv aus dem Sumpf zu ziehen und ein Festival zu organisieren, bei dem alle Bands, die spielen, von Frauen geleitet werden. PENG – mit lautem Knall ging 2016 das erste Peng-Festival über die Bühne der Maschinenhalle in Essen-Altenessen – ein großer Erfolg, der seitdem jedes Jahr neu aufgelegt wurde.

Für die 7 Sängerinnen und Bandleaderinnen, die den harten Kern des PENG-Kollektivs ausmachen, wurde deutlich, dass sich die Arbeit, die sie in das Festival steckten, auszahlt. Dass Musikerinnen selbstverständlich im Fokus der Scheinwerfer stehen, dass die Vernetzung unter Musikerinnen vorangetrieben wird, dass sich die politische Arbeit an den Strukturen auszahlt und mithilft, die Bedingungen, unter denen sie selbst als Musikerinnen arbeiten, zu verbessern. Es geht voran.

Nachwuchspreisträger: Süd Beat Big Band

Süd Beat Big Band

Als er noch selbst zur Schule ging, spielte Christoph „Picco“ Fröhlich selbst den Bass in der Schul-Big Band am Humboldt Gymnasium in Köln, einer gerade in Gang gekommenen Kooperation zwischen der Schule und der Rheinischen Musikschule. 2001 war das, später übernahm er neben dem Bass auch das Gesangsmikrofon der Band.

Mittlerweile hat die Band einen eingeführten Namen, Süd Beat Big Band, Fröhlich hat die Schule hinter sich gebracht, hat Tontechnik studiert und ist als Leiter der Band zurückgekehrt. Mit seiner Erfahrung und seinem Faible für die ganze Breite der populären Musik vom Jazz bis hin zu HipHop und Techno hält er mit enormer Leichtigkeit den gesteckten Kurs zwischen hohem musikalischen Anspruch und jugendlicher Neugier und Experimentierfreude.

Süd Beat Big Band - WDR Jazzpreisträger Nachwuchs

WDR 3 Jazz & World 29.10.2020 06:06 Min. Verfügbar bis 27.10.2021 WDR 3


Die Süd Beat Big Band ist eine außergewöhnliche Bigband, die sich ein breites Repertoire erarbeitet hat, das weit über die üblichen, verdächtigen Big Band-Arrangements und das Genre Jazz hinausgeht. Als ein Aushängeschild des Musikzweigs am Humboldt-Gymnasium realisiert sie jedes Jahr ein größeres Projekt, für das Musiker der Band (inkl. Picco Fröhlich) eigene Arrangements schreiben und nach Möglichkeit eine größere Reise beispielsweise nach Peru, Peking oder Rotterdam antreten, mit der der musikalische Horizont erweitert wird. Während eine geplante Musikreise nach Kuba in diesem Jahr ausfallen musste, war die Süd Beat Big Band mit ihrem Beitrag zum Beethovenjahr, einem großen Projekt mit Big Band, Chor und Kammerorchester, so frühzeitig zur Stelle, dass sie den Corona-Hemmnissen ein Schnippchen schlagen konnte. Neue Projekte sind in Arbeit, die Süd Beat Big Band wird ihre Hörerinnen und Hörer dabei immer wieder auf hohem Niveau überraschen können.

Die Jury:

Tinka Koch - WDR 3 Jazz & World (Juryvorsitz)

Odilo Clausnitzer - Deutschlandfunk

Rebekka Paas - Kulturmanagerin

Jörg Heyd - Autor, WDR Big Band

Steffen Schorn - WDR Jazzpreisträger, Komponist, Arrangeur

Maik Ollhoff - Veranstalter, „Loch“ Wuppertal

Christina Fuchs - WDR Jazzpreisträgerin, Komponistin, Arrangeurin

Ulrich Laustroer - Kulturamt Bielefeld

Texte: Stefan Hentz
Redaktion: Tinka Koch

Stand: 27.10.2020, 11:56