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Cristina Branco

Christina Branco singt.

Sanfte Erneuerung des Fado

Cristina Branco

Ein Vierteljahrhundert nach Portugals Nelkenrevolution zeigt sich, dass eine junge Generation, von der politischen Vorgeschichte unbelastet, eine neue Sensibilität für den Fado entwickeln kann.

Die erstaunlichste Erscheinung unter den Neo-Fadistas ist Cristina Branco aus dem Ribatejo nördlich von Lissabon. Während ihrer Jugend war sie noch leidenschaftlich auf Rock und Blues geeicht, verehrte Ella Fitzgerald und Sarah Vaughan. Zu ihrem 18. Geburtstag schenkte der Opa ihr eine LP von Amália Rodrigues - eine Stimme, die sie nicht mehr losließ. Auch nicht, als sie als Psychologie-Studentin in Lissabon Quartier bezog, nebenbei in kleinen Clubs auftrat. Dort entdeckte sie ein Mitarbeiter des portugiesischen Fernsehens. Durch einen TV -Auftritt wiederum bekam ein Fotograf aus Amsterdam Wind von dem jungen Talent, holte sie nach Holland, wo sie für die lusitanische Community sang.

Mädchenhafter Fado

Dass der Prophet im eigenen Land wenig gilt, erlebte sie in den Folgejahren: Über die Niederlande und Frankreich erarbeitete sie sich den Erfolg, und während ihre frühen Alben dort längst preisgekrönt waren, blieben ihr die Türen in der Heimat zunächst verschlossen. Mit "Corpo Illuminado" kam dann überall der große Erfolg. Was macht die Faszination dieser jungen Frau aus? Zwar hat Cristina Branco die Insignien des Fado-Genres, wie das berühmte schwarze Tuch und die melancholische Grundhaltung übernommen, ihr Vortrag jedoch steht für sanfte, nicht plakative Erneuerung. Ihr fehlt das Geheimnisvolle, Fetischhafte von Mísia, auch die explosive Divenhaftigkeit von Mariza. Sie steht für eine fast mädchenhafte, innerliche Variante des neuen Fado, verfügt über eine äußerst warme, nicht zu übermäßigem Pathos neigende Stimme. Die Schwermut des Genres wird transparent aufgelockert mit spielerischen Sprüngen zwischen den Stilen: Da findet auch mal ein lichtdurchflutetes brasilianisches Lied Eingang ins Repertoire, oder ein angolanischer Lundu-Rhythmus. Ein Glücksfall: Die musikalische und private Partnerschaft mit Custódio Castelo, der mit seiner guitarra portuguesa sowohl den Bühnenshows als auch den CDs virtuose und tiefempfundene Raffinesse verleiht.

Sensus

Ihre aktuellen Scheiben präsentieren sich mit einem durchdachten Gesamtkonzept: Auf dem Werk "Sensus" vereint sie sinnliche Texte von Shakespeare bis zum Bossa-Poeten Vinicius De Moraes. Und auch "Ulisses" ist getragen von einem schlüssigen Spannungsbogen, der neue Fados mit Liedern von Mercedes Sosa und sogar Joni Mitchell bündelt.

Diskografie:

  • Eva (2020, Arruada)
  • Branco (2018, Universal)
  • Menina (2016, Universal)
  • Alegria (2013, Universal)
  • Kronos (2009, Universal)
  • Perfil (2007, Som Livre)
  • Ulisses (2005, Universal)
  • Sensus (2003, Universal)
  • Corpo Illuminado (2001, Universal)
  • Canta Slauerhoff (2000, CCPH)
  • Post Scriptum (2000, L'Empreinte Digitale)
  • Murmúrios (1999, Music & Words)
  • Christina Branco in Holland (1998, CCPH)

Stand: 08.03.2021, 15:37