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Bernd Alois Zimmermann - Photoptosis

WDR Sinfonieorchester Video 05.09.2019 13:02 Min. Verfügbar bis 30.12.2099 WDR 3

Werkeinführung: Bernd Alois Zimmermann - Photoptosis

Stand: 05.07.2019, 08:00 Uhr

Von Clemens Matuschek

  • Jukka-Pekka Saraste leitet das WDR Sinfonieorchester
  • Kölner Philharmonie am 05. Juli 2019
  • Einführung in Zimmermanns Photoptosis

Wer die Farbe Blau mag, sollte nach Gelsenkirchen fahren. Im dortigen Schalker Stadion trägt man bekanntlich Königsblau, und im Foyer des "Musiktheaters im Revier" gibt es ganz besondere Kunstwerke zu besichtigen: die ultramarinblauen Schwammreliefs des französischen Künstlers Yves Klein, deren Strahlkraft je nach Licht- und Blickwinkel changiert.

Ende der 1950er Jahre verwirklicht, fand Kleins Kunst bald begeisterte Anhänger*innen. Zu ihnen zählte auch der Komponist Bernd Alois Zimmermann, der in Köln studierte, ab 1958 als Professor an der hiesigen Hochschule lehrte und zeit seines Lebens eng mit dem WDR zusammenarbeitete. Als er 1968 einen Auftrag der Gelsenkirchener Stadtsparkasse erhielt, entschloss er sich, Kleins Prinzip der monochromen blauen Flächen in die Musik zu übertragen. Das Resultat: "Photoptosis" (Lichteinfall).

Klangfarbengemälde

Bernd Alois Zimmermann, Aufnahme von ca. 1970

Komponist Bernd Alois Zimmermann

Das Werk steht beispielhaft für Zimmermanns Kompositionsstil. Denn im Gegensatz zu Avantgarde-Zeitgenossen wie Pierre Boulez oder Karlheinz Stockhausen brach Zimmermann nie gänzlich mit der Tradition, sondern entwickelte eine sehr eigene Tonsprache. Sie zeichnet sich einerseits durch eine meisterhafte Handhabung von Klangfarben aus: Analog zu Kleins Bildern wandeln sich die Klänge des Orchesters – fahl schimmernd zu Beginn, am Schluss geradezu blendend. Andererseits integrierte Zimmermann gern Stilelemente vom Barock bis zum Jazz in seine Musik. Im Mittelteil von "Photoptosis" sogar ganz konkret, in Form von Zitaten unter anderem aus Beethovens neunter Sinfonie, Wagners "Parsifal", Skrjabins "Poème de l’extase", Bachs "Brandenburgischen Konzerten" und dem "Tanz der Zuckerfee" von Tschaikowskij. Dahinter steht die Idee, die Zeit nicht als lineare Abfolge zu begreifen, sondern als Einheit aus Vergangenem und Gegenwärtigem, als konkrete akustische Simultanität. Ein Rückblick, der das Hier und Jetzt und die Zukunft vereint. Ein passenderes Stück hätte sich Jukka-Pekka Saraste für sein Abschiedskonzert kaum aussuchen können.