Werkeinführung: Maurice Ravel - Konzert G-Dur für Klavier und Orchester

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Maurice Ravel. Porträt

Werkeinführung: Maurice Ravel - Konzert G-Dur für Klavier und Orchester

Von Anja Renczikowski

Eigentlich wollte Maurice Ravel sich selbst als Konzertpianist ein neues Werk auf den Leib schreiben. Seine 1928 in die USA unternommene Konzertreise war so erfolgreich, dass er einen Auftrag als Komponist und Pianist zum bevorstehenden 50-jährigen Jubiläum des Boston Symphony Orchestra annahm. Doch dann erhielt er unerwartet eine Anfrage des einarmigen Wiener Pianisten Paul Wittgenstein für ein Klavierkonzert nur für die linke Hand. So machte sich Ravel im Sommer 1929 ans Komponieren gleich zweier Klavierkonzerte.

Schnell galten beide Stücke als gegensätzlich: Auf der einen Seite das D-Dur-Konzert für die linke Hand, das voller exzentrischer Wendungen steckt, auf der anderen Seite das G-Dur-Konzert mit seiner klassizistischen Symmetrie und spielerischen Eleganz. Das passt zur Selbstcharakterisierung, die Ravel einmal formuliert hat: "Ich bin kein moderner Komponist im strengsten Sinn des Wortes, weil meine Musik keine Revolution, sondern eher eine Evolution ist. Obwohl ich neuen Ideen in der Musik immer zugänglich war, habe ich niemals versucht, die Gesetze der Harmonie und Komposition über den Haufen zu werfen. Im Gegenteil, ich habe immer großzügig meine Inspiration aus den großen Meistern geschöpft, habe niemals aufgehört, Mozart zu studieren, und meine Musik ist folglich zum größten Teil auf den Traditionen der Vergangenheit aufgebaut".

Gedanken von Cristian Măcelaru

Kein anderer Komponist hat die Grenzen eines jeden einzelnen Orchesterinstruments so ausgeschöpft wie Maurice Ravel. Er hat die Kunst des Orchestrierens durch sein unerschöpfliches Wissen über jedes von ihm eingesetzte Instrument zu neuen Höhen geführt. Dies zeigt sich auch darin, wie Ravel jede*n Musiker*in auf der Bühne auffordert, die Grenzen der instrumentalen Möglichkeiten auszuloten, ohne dabei auch nur einen Deut zu weit zu gehen. Das Klavierkonzert ist nicht nur ein Paradestück für das Soloklavier, sondern Ausdruck der Virtuosität, mit der dieser unglaublich erfahrene Komponist jedes Instrument auf der Bühne behandelt.

Schauspielerin Nadine Picard auf einer Automobilveranstaltung in Paris um 1930

Schauspielerin Nadine Picard auf einer Automobilveranstaltung in Paris um 1930

Das zweihändige G-Dur-Konzert als konformes Gegenstück zum Spezialwerk für die linke Hand zu sehen, wird seinem Anspruch nicht gerecht. Ravel selbst nennt das Werk "ein interessantes Experiment", das die Hörer*innen bis heute mit seinem Changieren zwischen Mozart und Saint-Saëns, Jazz und baskischer Folklore reizt. So sind im ersten Satz fünf verschiedene Themen zu hören, von denen sich drei an Jazzmusik orientieren und zwei an spanischer und baskischer Volkmusik. Ein schöner Dialog zwischen Klavier und Englischhorn bereichert das Ende des poetischen zweiten Satzes. Trommeln und Fanfaren leiten das Presto ein – ein schriller Parcours, der mal an Eisenbahnklänge, dann wieder an einen bewegten Marsch erinnert.

Die Uraufführung kann der stark angeschlagene Ravel selbst nicht spielen. Er leitet das Orchester – und am Klavier sitzt am 14. Januar 1932 die Widmungsträgerin, Marguerite Long. Schon drei Monate später nehmen beide das Klavierkonzert in einem Pariser Plattenstudio auf. Die französische Pianistin scheint Ravels erste Wahl für eine Interpretation, die es "unterhalb der Tastenoberfläche" zu entdecken gilt. Sein Werk zu interpretieren, bedeutet für ihn, es schlicht zu spielen: "Ich bin wirklich der Meinung, dass die Musik eines Konzerts heiter und brillant sein kann, sie braucht keinen Anspruch auf Tiefgründigkeit zu erheben oder nach dramatischen Effekten zu trachten."

Stand: 12.10.2019, 08:00