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Der Komponist Krysztof Penderecki

Werkeinführung: Krzysztof Penderecki - Threnos für 52 Streichinstrumente

Von Michael Struck-Schloen

Beim Thema Krieg wurde der gern gesellige Penderecki ernst: "Ich bin 1933 geboren – da ist der Krieg ganz stark in Erinnerung. Ein Onkel wurde als hoher Offizier in Katyn getötet. Ein anderer Onkel war im Widerstand und wurde in Warschau erschossen. Nach dem Krieg kamen die Russen, um uns zu befreien – sie sind 40 Jahre geblieben."

Was hätte Penderecki zu Russlands Krieg in der Ukraine gesagt? Wahrscheinlich hätte er ein Chorwerk geschrieben, denn in Krisenzeiten ist der Mann aus Dębica östlich von Krakau immer zum engagierten Komponisten geworden. Politisches Bewusstsein prägt Pendereckis Werk, gepaart mit polnischem Katholizismus: von den Schreien der geschundenen Kreatur in der "Lukaspassion" über ein "Lacrimosa" zum Gedenken an die Opfer der polnischen Arbeiteraufstände von 1970 bis zum Psalm "Domine, quid multiplicati sunt" (2015) zum hundertsten Jahrestag des Völkermords an den Armenier:innen.

Gleichsam über Nacht wurde Penderecki in den 1960er Jahren zur Leitfigur der "polnischen Schule". Und der Beginn des 1961 in Warschau uraufgeführten "Threnos" (Klagelied) zeigt, wie weit sich der junge Wilde damals von der mönchischen Klangaskese der Serialisten entfernte. Im rabiaten Fortissimo kreischen Geigen, Bratschen, Celli und Bässe ihre jeweils höchsten Töne heraus – ein heiserer Aufschrei in einer quasi fleischlosen Klanglichkeit, die sich später die Soundtracks von Horrorfilmen zunutze gemacht haben. Es folgen ungewohnte Streichertechniken wie Reibe- und Kratzgeräusche oder das Spielen auf Korpus und Saitenhalter – vor allem aber heulende Glissandi und schwirrende Klangbänder. Und das Erscheinungsbild der Partitur mit ihren ungewohnten Symbolen, den dicken schwarzen Balken und grafischen Hüllkurven wirkt ebenso experimentell wie dekorativ.

Erst nachträglich hat Penderecki dem achtminütigen Werk den Untertitel "Den Opfern von Hiroshima" als Mahnung an den Atombombenabwurf der Amerikaner über der japanischen Großstadt hinzugefügt. Für den Komponisten war es eine Mahnung vor der Gewalt und dem Leid aller Kriege.