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Der Komponist und Dirigent Paul Hindemith

Werkeinführung: Paul Hindemith - Suite französischer Tänze aus "Livres de danceries"

Stand: 07.06.2019, 08:00 Uhr

Von Johanna Augustin

Vieleicht werden viele, die Paul Hindemith als einen Komponisten des 20. Jahrhunderts im Bewusstsein haben, beim Erklingen der ersten Takte der "Suite französischer Tänze" noch einmal ins Programmheft schauen und prüfen, ob sie sich nicht verlesen haben. Denn was da erklingt, ist reine, unverfälschte Renaissance-Musik.

Aber sie stammt tatsächlich von Hindemith. Doch gleich muss eingehakt werden: nicht ganz und gar. Es handelt sich um eine Bearbeitung von sieben französischen Tänzen, die ein Musikverleger und Notendrucker namens Pierre d’Attaignant im 16. Jahrhundert unter dem Titel "Livres de danceries" herausgegeben hat. Es sind Kompositionen von Claude Gervaise (um 1510 – nach 1558), Estienne du Tertre (Wirkungszeit 1543–1567) und anonymen Komponisten. Hindemith hat sie für ein kleines gegenwärtiges Orchester neu eingerichtet, aber keinen Ton aus den Originalen verändert.

Für Paul Hindemith war das nichts Ungewöhnliches. Er hat sich im Laufe seines Lebens auf viele verschiedene Arten fremde Musik zu eigen gemacht. Dabei hegte er ein großes Interesse an der Wiederbelebung Alter Musik. Besonders in den Jahren, als er in den USA wohnte und an der Universität Yale lehrte (1940–1953), hat er viele alte Stücke neu bearbeitet und mit seinen Studierenden aufgeführt. Darunter auch diese französischen Tänze. Er hat sie 1948 instrumentiert, allerdings erst zehn Jahre später veröffentlicht. Hindemith sagte über diese Bearbeitung: "Ich habe versucht den Klang, den die alten Instrumente hatten, mit unseren neuzeitlichen Instrumenten wiederzugeben. Es wird etwas anders klingen mit unserem heutigen Orchester. Es wird ungefähr der Klang sein, den man ursprünglich mit Gamben, Krummhörnern, Zinken, Lauten und anderen altertümlichen, heute veralteten Instrumenten hatte."

Paul Hindemith gilt als einer der Pioniere der Originalklang-Bewegung, die sich im 20. Jahrhundert entwickelte. Und auch Pierre d’Attaignant war seinerzeit ein Pionier auf seinem Gebiet: Nachdem man Noten bis dahin in mehreren Schritten druckte – erst die Linien, dann die Noten und sonstigen Zeichen –, erfand er eine Möglichkeit, den Notendruck effizienter zu machen. Bei seinem Verfahren ist jedes Notenzeichen von Notenlinien umgeben, wodurch sie schnell und einfach hintereinander zu setzen sind. So konnte d’Attaignant die Auflagen erhöhen und Werke schneller vervielfältigen und bekannt machen.