Werkeinführung: Antonín Dvořák - Te Deum op. 103 für Soli, Chor und Orchester

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Kurz und Klassik: Dvořák - Te Deum WDR Sinfonieorchester Video 03.09.2019 04:54 Min. Verfügbar bis 03.09.2020 WDR 3

Werkeinführung: Antonín Dvořák - Te Deum op. 103 für Soli, Chor und Orchester

Von Tilla Clüsserath

  • Cristian Măcelaru dirigiert
  • Kölner Philharmonie am 06. September 2019
  • Werkeinführung in Dvořáks "Te Deum"

Im Jahr 1892 genoss Antonín Dvořák den Sommer im tschechischen Vysoká ganz besonders. Bald sollte es auf eine große Reise gehen – nach Amerika, wo er die Leitung des National Conservatory of Music in New York übernehmen würde. Noch in den letzten Tagen vor seiner Abfahrt vollendete er das Te Deum op. 103.

Der Komponist Antonín Dvořák

Antonín Dvořák

Jeannette Thurber, amerikanische Mäzenin und Gründerin des National Conservatory, hatte Dvořák ein Jahr zuvor mit einem ansehnlichen Honorar gelockt, Direktor ihres Musikinstituts zu werden. Nach reiflicher Überlegung gab Dvořák der Bitte Thurbers nach und traf Ende September 1892 mit seiner Familie in New York ein. Auf dem tschechischen Komponisten, der in Europa und Übersee als Berühmtheit galt, lagen große Hoffnungen. Er sollte, wie er einem Freund gegenüber erwähnte, nichts weniger als den Amerikanern "den Weg ins gelobte Land und in das Reich der neuen, selbständigen Kunst weisen, kurz, eine nationale Musik schaffen". Der Traum der Millionärsgattin Thurber bestand darin, Amerika von der Abhängigkeit fremder Kunst – sprich: der Musik der Alten Welt Europa – zu "befreien". Dvořák, der als Schöpfer der tschechischen Nationalmusik galt, sollte dabei helfen.

Gedanken von Cristian Măcelaru zu Dvořáks Te Deum

Eine weitere Reise, diesmal in die Neue Welt, inspirierte Antonín Dvořák zu seinem Te Deum. Obwohl nicht für eine religiöse Feier gedacht, finden wir darin Dvořáks aufrichtiges Empfinden einer Danksagung, eine zutiefst persönliche Zusammenfassung seines Glaubens. Mit seiner Ernennung zum Direktor des neu gegründeten National Conservatory in New York bat Jeanette Thurber (die Gründerin des Konservatoriums und Dvořáks neue Arbeitgeberin) ihn um eine Kantate, die sowohl den 400. Jahrestag der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus feiern sollte als auch Dvořáks eigene Ankunft in der Neuen Welt. Da der versprochene Text von Frau Thurber nicht eintraf, machte Dvořák, um diesen Auftrag noch rechtzeitig zu erfüllen, aus der Not eine Tugend und wandte sich dem lateinischen Text des Te Deum laudamus zu, der wie gemacht ist für eine so bedeutsame Feier.

In seinen drei Jahren in der Neuen Welt wirkte Dvořák daran mit, dass Amerika sich musikalisch selbst entdeckt, indem er das kulturelle Erbe des Landes heranzog: die Lieder und Tänze der Ureinwohner und (sehr wichtig!) die Spirituals, die auf den Plantagen des Südens entstanden sind – als Reflex auf den Schmerz und die Ungerechtigkeit, die die Sklaven, die auf diesen Feldern arbeiteten, erlitten haben. Dies ist die Welt, die Dvořák entdeckt hat. Und darin sah er die direkte Verbindung zur Menschlichkeit, die schon vor Urzeiten von Freud und Leid sprach, von Tränen und Jubel. Manche meinen, dass sich Dvořáks Musik aus dieser Periode ausschließlich von der pentatonischen Skala indianischer Rituallieder herleitet. Andere sagen, dass die dunklen, grüblerischen Harmonien auf die Spirituals zurückgehen, die ihm Harry T. Burleigh, ein afroamerikanischer Student am National Conservatory, vorgesungen hat. Und wieder andere halten fest, dass Dvořák beziehungsreich seine musikalischen Wurzeln betont, als Folge seiner großen Sehnsucht nach der Heimat. Und all diese Überlegungen sind gleichermaßen richtig. All diese Einflüsse sind vorhanden. Tatsächlich koexistieren sie. Was mich am meisten fasziniert: Dvořák hat sich auf der Suche nach dem wahren Kern der amerikanischen Seele, der amerikanischen Stimme, selbst gefunden – ein Einwanderer, der die Geschichte seines Volkes an einen neuen Ort brachte.

Die Carnegie Hall in New York zum Zeitpunkt ihrer Eröffnung

Die Carnegie Hall im Jahre 1891

Thurber unterbreitete dem Komponisten den Vorschlag, sich mit einem neuen Werk einzuführen. Sie bat um eine feierliche Kantate, ein "Te Deum laudamus" oder "Jubilate Deo" von weniger als 30 Minuten. Da Dvořák den von ihr vorgesehenen Text nicht rechtzeitig erhielt, wählte er selbst Worte von allgemeiner Gültigkeit aus. So entstand sein Te Deum op. 103 auf Basis des traditionellen lateinischen Lob-, Dank- und Bittgesangs aus dem 4. Jahrhundert. Offenbar hochmotiviert, vollendete es der gläubige Katholik Antonín Dvořák innerhalb eines Monats. Das Werk erlebte seine Uraufführung bei Dvořáks Antrittskonzert am 21. Oktober 1892 in der Carnegie Hall.

Gegenüber dem Stabat mater, dem Requiem und der Messe in D ist das Te Deum zwar kürzer, darum jedoch nicht weniger bedeutsam oder originell. Dvořák, der ein frommer Mensch war und Gott auch in der Natur suchte, legt darin ein aufrichtiges Zeugnis seines tiefen Glaubens ab. Dennoch handelt es sich beim Te Deum weniger um eine liturgische Komposition als um ein Konzertstück, erkennbar an seiner vierteiligen sinfonischen Struktur. Vom Grundgestus her freudig-festlich – die wuchtigen Pauken der Eröffnung geben die Richtung vor – verschmelzen im Te Deum die jubelnden Töne mit Partien lyrischen Innehaltens. Wie im "Sanctus" oder im "Rex gloriae" gehören diese naturgemäß den Solisten, oft in engem Austausch mit dem Chor. Auf den Lobpreis Gottes und das Glaubensbekenntnis folgt im Schluss-Satz die Bitte nach Erbarmen und Erlösung. Harmonisch und melodisch weichen das "Dignare Domine" (Solo-Sopran) und das gemeinsam mit Bass und Chor vorgetragene "Benedicamus Patrem" in unerwartete Bereiche aus, wodurch das Ausdrucksspektrum des feierlich ausklingenden Werkes bedeutsam erhöht wird.

Stand: 06.09.2019, 08:00