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Max Bruch

Werkeinführung: Max Bruch - Oktett für Streicher B-Dur op. posth.

Stand: 02.10.2020, 08:00 Uhr

Von Otto Hagedorn

Im Jahr 1918 gibt es für Max Bruch zwei Gründe zu besonderer Feierlaune: die zahllosen Ehrungen zu seinem 80. Geburtstag und das Ende des Ersten Weltkriegs. Doch Bruch ist aus verschiedenen Gründen zutiefst missmutig, deprimiert und frustriert. Zum einen ist sein Stern als einer der bedeutendsten deutschen Komponisten schon seit langem untergegangen. Sicherlich: Sein erstes Violinkonzert sprengt noch immer als Zugpferd durch die Konzertsäle der Welt. Aber im Laufe der Jahrzehnte hat Bruch eine regelrechte Hassliebe zu seinem Erfolgsstück entwickelt – ließ es anderen seiner Kompositionen, die er mehr schätzte, doch keinerlei Raum zum Atmen. Hinzu kommt der Ärger über die Erfolge von jüngeren Komponisten: Max Reger und Richard Strauss, schlimmer noch: Claude Debussy – für Bruch, den Hüter des gediegenen Schönklangs, allesamt Scharlatane, die nichts als Katzenmusik produzieren. Noch schwerer lasten auf Bruchs Seele jedoch die beiden großen Verluste seines Lebens: 1913 stirbt sein Lieblingssohn mit erst 26 Jahren an einer Blutvergiftung, und 1919 verliert er auch seine Ehefrau. Bruch bleibt trauernd und resigniert zurück – selbst todkrank und unter starken Schmerzen leidend.

Umso erstaunlicher, dass Bruch sich noch im Todesjahr seiner Frau aufrafft, einige Kammermusikwerke zu komponieren. Darunter ist auch sein letztes Werk, das Streichoktett B-Dur. Lange war es verschollen, bis das Autograf 1986 in New York bei einer Auktion wiederauftauchte. Bruch selbst hat auf dem Titelblatt vermerkt: "für Soli oder Streichorchester". Die chorische Aufführung des heutigen Abends entspricht also durchaus seiner Intention.

Für sein eigenes Oktett hat Bruch den berühmten Gattungsbeitrag des 16-jährigen Felix Mendelssohn Bartholdy eingehend studiert. Und der 82-Jährige steht seinem Vorbild in Sachen jugendlichen Überschwangs in den Ecksätzen kaum nach. Schönheitstrunken könnte man diese Musik nennen, ein auskomponiertes Schwärmen in Sehnsucht nach besseren Zeiten. Nur im wehmütig-nostalgischen Adagio lässt Bruch uns teilhaben an seiner allumfassenden Trauer.