Podcast-Host Daniel Donskoy vor dem Schriftzug "Freitagnacht Jews"

Folge 3: Jew Noir – Who framed the jew?

Stand: 15.04.2022, 08:00 Uhr

In Folge 3 von "Freitagnacht Jews - Der Podcast" begibt sich Daniel Donskoy auf eine detektivische Reise im Stil des "Film Noir". Mit dabei, aber zwischenzeitlich verschollen: eine Journalistin, die nicht Moderatorin werden durfte; eine Programmdirektorin, die überraschend ihren Stuhl räumte; und ein prominenter Jude, der angeblich gar kein Jude ist - eine fiktionale Story mit Zitaten von vielen real geführten Interviews.

Daniel Donskoy: Es war einer dieser verregneten Freitage im Oktober des vergangenen Jahres – als die Nächte wieder dunkler und kälter wurden. Genauer gesagt: der 1.Oktober 2021. Ich befand mich in meiner kleinen, düsteren Garderobe im Berliner Funkhaus. 40 Minuten vor Beginn des Deutschen Filmpreises, den ich moderieren musste. Durch die Jalousie flackerte das Licht der Scheinwerfer vom roten Teppich, auf dem sich die Stars tummelten, als mein Handy klingelte, eine anonyme Nummer – neugierig nahm ich ab. Die weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung stellte sich mit "die Programmdirektorin" vor – ich war verwirrt: kannte ich sie? Eigentlich konnte ich jetzt nicht sprechen – sie insistierte:

Valerie W.: DONSKOY! Wir brauchen Sie! ICH brauche Sie!

Daniel Donskoy: Wer sind Sie?

Valerie W.: Hier spricht Valerie W. vom Westdeutschen Rundfunk – Sie erinnern sich nicht?

Daniel Donskoy: Was genau wollten Sie von mir?

Valerie W.: Donskoy, Sie müssen uns helfen – es braucht jetzt ein Streitgespräch in der Causa Nemi El-Hassan – Sie lesen doch die Tageszeitungen.

Daniel Donskoy: Natürlich hatte ich diesen Fall um die Moderatorin Nemi El-Hassan mitbekommen – ein Antisemitismusverdacht stand im Raum – doch ich wollte mich nicht streiten – mit niemandem.

Valerie W.: Nein, kein Streitgespräch, eine Möglichkeit, alles multiperspektivisch zu betrachten – Sie wären dafür genau der Richtige!

Daniel Donskoy: Was habe ich damit zu tun?

Valerie W.: Naja, Sie wissen schon!

Daniel Donskoy: Nein, ich wusste nicht!

Valerie W.: Herr Donskoy, Sie und Nemi El-Hassan, ein dunkler Raum, zwei Stühle… klingt das nicht genau nach der journalistischen Herausforderung, nach der sie sich schon immer gesehnt haben?

Daniel Donskoy: Ehhhhm.. nein!

Valerie W.: Lassen Sie sich die Sache noch einmal durch den Kopf gehen.

Daniel Donskoy: Doch durch meinen Kopf schoss nur ein Gedanke: Ich muss den Deutschen Filmpreis moderieren.

Valerie W.: Gut. Ich rufe Sie bald zurück.

Daniel Donskoy: Nein, ich rufe Sie zurück, sagte ich freundlich – und legte auf.

… Vier Wochen später …

Daniel Donskoy: Ich hatte dieses Gespräch schon fast vergessen, als mich "die Programmdirektorin" Valerie W. erneut kontaktierte. Vertieft in meine Gedanken saß ich in meinem Büro und dachte darüber nach, wie es mit meiner Fernsehsendung "Les juifs de vendredi nuit" (Freitagnacht Jews) weitergehen könnte, als das Telefon klingelte.

Valerie W.: Donskoy? Sie erinnern sich… die Sache mit Nemi El-Hassan?

Daniel Donskoy: Ja, ich erinnerte mich, auch wenn ich in der Zwischenzeit nicht mehr daran gedacht hatte. Ich sagte ihr, dass ich mir den Fall genauer anschauen könnte. Allerdings unter einer Bedingung: Es geschieht in meiner Sendung, bei "Les juifs de vendredi nuit"!

Valerie W.: Natürlich!

Daniel Donskoy: … sagte sie – und kündigte an, mir in den nächsten Tagen alle notwendigen Dokumente zukommen zu lassen.

Valerie W.: Auf Wiederhören, Donskoy!

Daniel Donskoy:  Au revoir, Valerie W.! Sagte ich und legte auf.

Daniel Donskoy: Wenige Tage später saß ich mit mehreren Schuhkartons voller Zeitungen und seitenweise Ausdrucken von Online-Artikeln in meinem Büro am Schreibtisch. Ich musste mir einen Überblick verschaffen, wie sich der Fall in der letzten Zeit entwickelt hatte.

El-Hassan. Eine junge aufstrebende Wissenschafts-Journalistin, Medizinerin, Deutsche mit palästinensischem Hintergrund. Als Moderatorin sollte sie das neue Gesicht einer Wissenschaftssendung des Westdeutschen Rundfunks werden. Doch dann veröffentlichte die BILD-Zeitung Fotos, die sie auf dem sogenannten Al-Quds-Marsch zeigen – vor sieben Jahren. Auf den Bildern sieht man, wie sie auf dem propalästinensischen Marsch mitläuft, der unter anderem zur Zerstörung Israels aufruft – man sieht jedoch nicht, was genau sie dort getan, welche Parolen sie womöglich gerufen hat. Ein schwerwiegender Vorwurf steht im Raum: Antisemitismus. Kurz darauf gibt die Beschuldigte dem Spiegel ein Interview, distanziert und entschuldigt sich. Es kommt zu Solidaritätsbekundungen in Sozialen Medien… eh, ich hasse Soziale Medien.

Ich entdecke einen Offenen Brief, der von vielen namhaften Stimmen unterzeichnet wurde. Von einer "rechten Diffamierungskampagne" ist darin die Rede – eine Gefahr für "die gesamte Debattenkultur in einer Demokratie". Unter den Erstunterzeichnern erspähe ich den Namen eines guten Freundes: der Autor und Publizist Max Czollek. Was hatte er damit zu tun? Konnte er mir vielleicht schnell weiterhelfen? Ich griff zum Hörer – da hob Max auch schon ab. Wir hatten längere Zeit nicht miteinander gesprochen – ein bisschen Smalltalk und schon landeten wir bei Nemi El-Hassan und der Solidaritätsbekundung.

Max Czollek: Wir alle wissen, dass Nemi El-Hassan Dinge getan hat, die nicht cool waren. Die Frage ist, warum und mit welcher Vehemenz und vor allem mit welcher Konsequenz diese Fehler verhandelt werden und ob die dazu führen, dass Leuten ihre Karrieren verunmöglicht werden. Für diesen Brief, den ich für Nemi El-Hassan auch unterzeichnet hab, hat "Die Juden in der AfD" gleich mal ein Propaganda-Plakat geschaltet, wo sie gesagt haben: Also wenn Czollek, der ja nie ein Jude war, ist jetzt auf jeden Fall gar kein Jude mehr. Weil er nämlich Nemi El-Hassan unterstützt hat.

Daniel Donskoy: Max, kein Jude? Schwachsinn.

Max Czollek: Und da hatte ich das Gefühl: Dass Menschen, mit denen ich zu tun hatte, die ich vielleicht auch mal gern gelesen habe, dass die, anstatt mit mir direkt Kontakt aufzunehmen, sich hinsetzen und in den großen nichtjüdischen Feuilletons in Deutschland Artikel schreiben. Und so habe ich das schon erlebt, als einen sehr vehementen und auch sehr aggressiven Versuch, Czollek rauszunehmen aus der Debatte. Und diese Unsicherheit gepaart mit der Tatsache, dass Du nie weißt, von woher der nächste Schlag kommt, die finde ich schon ein sehr unangenehmes Erlebnis.

Daniel Donskoy: Was sollte das heißen? Wer wollte ihn ausschalten? Aber bevor ich all meine Fragen stellen konnte, brach plötzlich das Gespräch ab. Max? Hallo?! Ich versuchte sofort, ihn wieder zu erreichen – vergeblich. Nur seine Mailbox. Hmmm, was hatte all das zu bedeuten? Max hatte diese Solidaritätsbekundung unterschrieben – und nun erzählte er mir, dass die AfD behauptete, er sei kein Jude? Ich konnte ihn nicht mehr erreichen – und machte mir ernsthaft Sorgen um meinen Freund.

Auch am nächsten Tag rief mich Max nicht zurück. Als ich mein Büro betrat und meinen Rechner hochfuhr, da stach mir sofort eine E-Mail ins Auge – sie kam von der Programmdirektorin, Valerie W. "Betreff: WDR Rundfunkrat".

Valerie W.: Donskoy, hiermit möchte ich Sie informieren, dass alles geklärt ist. Das Gespräch findet statt.

Daniel Donskoy: Mein Handy klingelte: Mein Produzent David… ehhhhh, ich hasse Produzenten. Aber David mag ich.

David: Hey Daniel, na? Hab gerade mit Nemis Manager telefoniert wegen Eurem Gespräch. Wie es aussieht, ist El-Hassan seit einigen Tagen verschwunden.

Daniel Donskoy: Verschwunden? Was sollte das heißen?

David: Verschwunden, heißt weg. Nada. Puff. Nicht da. Niente. Nicht aufzufinden. Ich würde sagen, wir fragen bei der Programmdirektorin nach. Schließlich ist bald die nächste Sitzung des Rundfunkrats, in der über El Hassans Moderation debattiert wird.

Daniel Donskoy: Der Rundfunkrat, klar. Ich legte auf und schaute aus dem Fenster. Es regnete. Ich hasse Regen. Das rosa-blaue Neonlicht des gegenüberliegenden Bordells, das durch mein Bürofenster flackerte, spiegelte sich verträumt in den Pfützen. In was für eine Sache bin ich hier bloß hineingeraten. Auch zwei Tage später war das Wetter nicht besser. Die Nachrichtenlage auch nicht. Da erreichte mich eine Mail von einem mir unbekannten Redakteur.

WDR: "Lieber Herr Donskoy, hiermit möchten wir Sie in Kenntnis setzen, dass die Programmdirektorin Valerie W. bald nicht mehr für den WDR tätig sein wird.“

Daniel Donskoy: Ehhhhhh, bin ich der Midas des Todes? Verschwindet jetzt jeder, mit dem ich spreche? Ob mein Produzent David noch da ist? Ehh, ich war mehr als irritiert. Valerie W. war für mich nicht mehr zu erreichen. Nemi El-Hassan war verschwunden – und auch mein Freund Max Czollek wie vom Erdboden verschluckt. Ich rief meinen Produzenten David an.

David: Hallo Daniel!

Daniel Donskoy: Puuh. Er lebte. Auch er hatte die Nachricht des Senders bekommen. An der Sache war etwas faul.

David: Da können wir nichts mehr machen. Das ist nicht mehr Dein Fall, Daniel!

Daniel Donskoy: Hah, er irrte sich. Jetzt wurde es erst wirklich zu meinem Fall. Jetzt wurde die Sache erst richtig interessant! Ausgelaugt und müde dachte ich mir – ich brauche Kokain. Ehh, ich hasse Kokain. So leicht ließ ich mich nicht abwimmeln. Ich musste auf eigene Faust ermitteln. Valerie W., Nemi El-Hassan, Max Czollek – Wo waren die Schnittpunkte? Ging es hier um mediale Deutungshoheit? Um Ärger im Identitäts-Milieu? Wer steckte hinter ihrem Verschwinden? Der Westdeutsche Rundfunk? Die BILD-Zeitung? Orthodoxe Juden, der Mossad, der BDS, Xavier Naidoo – oder doch der KGB! Oder vielleicht war es jemand, den ich noch gar nicht auf dem Schirm hatte?

Der beste Ort, um schnell an Informationen heranzukommen ist ja bekanntlich: das Internet – aber in diesem Fall: die Straße. Ehh, ich hasse Straßen. Ich begab mich nach Berlin-Neukölln, ein Viertel, das ich nur zu gut kannte - und ich wusste schon, in welchem Etablissement ich als erstes Erkundungen einholen konnte. Die kleine Eckkneipe "Zum Datteltäter".

Wie erwartet saß Younes Al-Amayra in einer verrauchten Ecke. Er war mein Kontakt in die palästinensische Medienwelt. Al-Amayra, Komiker, Youtuber und kreativer Kopf eines anti-rassistischen Satire-Kollektivs. Sohn einer syrischen Mutter und eines palästinensischen Vaters. Und soweit ich wusste, war er mit El-Hassan befreundet. Erstaunlicherweise war er offenbar nicht überrascht, mich zu sehen, als hätte er mich erwartet. Auch er hatte bereits von ihrem Verschwinden gehört – und war sichtbar schockiert.

Younes Al-Amayra: Also das hat mich schon mitgenommen. Ich kenne ja Nemi und wir haben auch früher zusammengearbeitet und ich weiß, wer sie ist und ich weiß auch, welche Entwicklung sie hingelegt hat. Ich weiß aber auch, was für Anfragen bei uns reingeflattert sind, von bestimmten Medien und mit Anschuldigungen wo Du Dir echt so... – wow (wo) kommt das jetzt auf einmal her? Und auf einmal wirst Du da mit reingesogen. Und es ist nicht das erste Mal. Du hast so ein Ohnmachtsgefühl. Keine Ahnung. Du hast wirklich das Gefühl: Wann bist du der Nächste? Ich fand das sehr schrecklich.

Nemi ist eine muslimische Frau. Und auch wie sie dann teilweise dargestellt worden ist - das tat mir leid, dass sie da durchgehen musste, weil sie hat ja auch etwas zu sagen und das, was sie zu sagen hat, also diese Entschuldigung, die sie gebracht hat und diese ganzen Interviews, die sie geführt hat - aus meiner Sicht wurde das dann einfach komplett ignoriert. Also wenn ihr Fragen gestellt worden sind, also auch da musste sie sich ja immer distanzieren. Also, wenn sie fragen: In welche Moscheen bist Du gegangen? Das hat sie doch alles gesagt.

Daniel Donskoy: Ja, das Interview im Spiegel hatte ich gelesen. Sie hatte sich distanziert – beteuert, dass sie seit einigen Jahren keine Moschee mehr von innen gesehen hatte. Eehh, ich hasse Interviews im Spiegel.

Younes Al-Amayra: Also man muss sich da komplett nackt machen. Und sie hat ihren Fehler eingestanden. So, sie hat sich dafür entschuldigt. Also ich glaube auf der muslimischen Seite oder auf der arabischen Seite bekommst Du dann das Gefühl: Ist doch egal, wie Du Dich entschuldigst, es ist doch egal, wie viel Dialogarbeit Du schon geleistet hat, dass Du Freunde hast in Israel, in Palästina und dass Du diesen Dialog willst. Ist doch völlig egal, was Du machst. Aber nur ein Fehler und dann wirst Du komplett rasiert. Und das schüchtert ein. Und ich glaube, das ist auch natürlich eine Taktik von bestimmten… Also da hast wirklich das Gefühl, das ist so wirklich Einschüchterungstaktik. Und da ist wirklich die Frage: Will ich noch in der Öffentlichkeit stehen? Diese Fragen stellst du dir wirklich.

Daniel Donskoy: Younes wirkte verunsichert, ratlos. War er selbst eingeschüchtert worden? Wurde er bedroht? Wo Nemi El-Hassan war, konnte er mir nicht sagen und ich wollte ihn nicht weiter löchern.

Daniel Donskoy: Ich musste zu meiner Großmutter nach Charlottenburg. Sie hatte mich zum Pelmeni-Essen eingeladen – darf man heutzutage eigentlich noch Pelmeni essen? Ehhh, ich hasse "heutzutage" – aber Pelmeni konnte ich jetzt gut gebrauchen.

Kurz nachdem ich den S-Bahnhof Charlottenburg verlassen hatte und gedankenverloren mich selbst die Straße entlang schleifte, zuckte ich schlagartig zusammen. Ein Auto hielt neben mir. Ein  "Dienstwagen", dem dies gewissermaßen direkt auf die Windschutzscheibe geschrieben stand. Politikschwarzer Lack, makelloser Glanz. Eines der Fenster fuhr herunter – und ein bekanntes Gesicht lächelte mich an: Sawsan Chebli. Sozialdemokratin. Politikerin. Ehemalige Sprecherin unseres Bundespräsidenten. Mein erster Kontakt in die höchsten politischen Kreise Berlins. Und: Kind palästinensischer Flüchtlinge. Hah, Frankie Steinmeier, hat sich auch schon lang nicht mehr gemeldet, das Arschloch. Was für ein Zufall, dachte ich – obwohl, ich glaube gar nicht an Zufälle. Warum war sie hier? Diese Chance musste ich nutzen, um sie zu fragen, ob sie etwas von Nemi gehört hatte. Ich stieg ein.

Sawsan Chebli: Also ich habe sie über Jahre nicht mehr gesehen und wusste überhaupt nicht, wo sie am Ende war. Also ich war total irritiert zu sehen, dass sie kein Kopftuch trug auf einmal. Und dann diese ganze Debatte. Ich war total geschockt, das alles zu erleben. Ich hab Nemi kennengelernt als junges Mädchen, die ziemlich kämpferisch war, sehr konservativ, muslimisch. Also sie war so überzeugt von ihren Meinungen und Überzeugungen. Wahnsinnig smart und auch was Israel-Palästina angeht sehr klar in ihrer Positionierung, niemals antisemitisch, aber ganz krass israelkritisch, immer schon. Und ich habe das verfolgt und ich sollte immer was dazu sagen, ich habe mich öffentlich auch nicht dazu positioniert.

Daniel Donskoy: Mir fiel ein, dass ich Sawsans Namen nicht auf der Solidaritätsbekundung gelesen hatte. Eehhh, ich hasse Solidaritätsbekundungen.

Sawsan Chebli: Ja, habe ich auch bekommen. Ich habe sie nicht unterschrieben, weil ich für mich entschieden habe, mich nicht dazu zu positionieren und Nemi anders zu helfen, dass sie ihre Position öffentlich machen kann und zu sagen, wofür sie steht, ohne dass ich jemals mit ihr Kontakt aufgenommen hatte. Wie gesagt, wir hatten auch überhaupt gar keinen Kontakt.

Was mich so traurig macht an dem Fall von Nemi, ist, dass ich hoffe, dass er nicht so abschreckend wirkt für andere junge Leute, die sozusagen ihren Weg nach oben gehen und die dadurch denken: Ja, dieses Land ist sowieso anti-palästinensisch und wir haben überhaupt gar keinen Raum und wir müssen... – lieber wir schweigen zu allem... und sich so ein bisschen selbst zensieren. Weil das täte auch nicht so gut. Davor habe ich so ein bisschen Sorge, dass sich die junge Community dadurch so radikalisiert hat und dass das alles dann in Räumen stattfindet, auf die wir überhaupt gar keinen Zugang haben. Also für mich ist Nemi keine Antisemitin und auf keinen Fall eine Islamistin.

Daniel Donskoy: Ehhhh … Das klang alles nicht gut. Hatte dieser Fall tatsächlich das Potenzial, Menschen in die Radikalisierung zu treiben? Durch die getönten Fenster sah ich, dass wir schon lange nicht mehr in Charlottenburg waren. Ich erkannte das Regierungsviertel. Meine arme Großmutter. Verdammt… Wieso habe ich nicht gleich ein Taxi genommen? Na gut, dann besser jetzt eines – damit kann ich es noch rechtzeitig zu ihr schaffen. Okay, Sawsan, pass auf Dich auf!

Mein Magen knurrte mittlerweile unüberhörbar – vor Hunger war mir schon ganz schwindelig. Ich brauchte einen schnellen Happen. Nicht weit von mir entfernt entdeckte ich einen Imbiss. Eine schnelle Bulette würde mich nicht lange aufhalten. Ich stellte mich in die überschaubare Schlange vor dem kleinen fahrbaren Verkaufswagen und staunte nicht schlecht. Heute war anscheinend der Tag der Zufälle – vor mir wartete Marlene Schönberger. Grünen-Politikerin und frischgebackene Bundestagsabgeordnete aus Niederbayern. Ehh, ich hasse Bayern. Ich meine das Bundesland – das muss man heutzutage ja klar definieren – und wie ich schon sagte: Ich hasse "heutzutage". Wir hatten uns bereits einmal aufgrund ihres Einsatzes gegen Antisemitismus kennengelernt. Sie war gewissermaßen Antisemitismus-Expertin. Auch sie erkannte mich direkt – und da sie es offenbar nicht eilig hatte, zurück in den Bundestag zu kommen –  klar, sie ist ja auch bei den Grünen – fragte ich sie bei Bulette und Pommes Schranke zu ihrer Meinung in Sachen Nemi El-Hassan.

Marlene Schönberger: Eine Pauschalisierung von Menschen, die aus gewissen Ländern kommen, die Muslimas sind, ist auf jeden Fall höchst problematisch. Natürlich muss man auch anerkennen, dass es im Bildungssystem beispielsweise in Syrien – da habe ich mich näher mit beschäftigt – vollkommen normal ist, dass in Schulbüchern antisemitische Inhalte gelehrt werden. Das ist etwas, mit dem man umgehen muss. Und gleichzeitig ist es rassistisch zu sagen: alle Menschen, die beispielsweise aus Syrien kommen, hegen antisemitische Einstellungen.

Daniel Donskoy: Mhmhmh, sie hatte Recht – solche Pauschalisierungen führen wirklich nirgendwo hin. Mhhhmmm, ich liebe Buletten!

Marlene Schönberger: Und sehr häufig wird es geäußert, um davon abzulenken, dass wir ein innerdeutsches Antisemitismusproblem haben, das überhaupt nichts mit Migration zu tun hat. Und ähnliche Dinge konnte man ja auch bei dem Fall Nemi El-Hassan beobachten. Natürlich sollte niemand im öffentlichen Fernsehen arbeiten, die oder der judenfeindliche Einstellungen hat. Es ist auf jeden Fall ein riesiges Problem, bei Al-Quds-Demos mitzulaufen, bei denen antisemitische Parolen an der Tagesordnung sind.

Gleichzeitig können sich Menschen auch verändern. Und wenn diese Dinge lange zurückliegen - ich glaube, muss man auch darüber sprechen können, dass Menschen ihre Meinungen revidieren können, dass sie dazulernen können und dann auch die Chance haben müssen als der Mensch, der sie in der Gegenwart sind, wahrgenommen zu werden. Gleichzeitig haben wir beobachten können, dass die Debatte über ihre Person von rassistischen Tönen geprägt waren. Und die Kritik an Antisemitismus darf auf gar keinen Fall dazu missbraucht werden, dass man sich rassistisch äußert. Das ist ein riesiges Problem. Bei beiden Phänomenen brauchen wir eine ganz klare Haltung.

Daniel Donskoy: Apropos "Problem" – so schön das Gespräch mit Marlene Schönberger auch war – leider hatte ich mich schon wieder verquatscht. Vermaledeite Ficke! Meine arme Großmutter, nun kam ich doch zu spät zu den Pelmeni. Na gut, sie kennt mich ja. Ich bestellte mir ein Taxi. Und auch wenn es nichts zur Sache tut: Meine Großmutter war trotz meiner Verspätung sehr happy, mich zu sehen – und die Pelmeni schmeckten trotz Bulette im Magen wie immer vorzüglich.

Einige Tage später. Zurück in meinem Büro.

Bei meinem Freund Max ging weiterhin nur die Mailbox ran. Aber ich scheute noch davor zurück, mich an gemeinsame Freunde oder gar an seine Familie zu wenden – ich wollte keine Panik verbreiten. Ich warf einen Blick ins Internet und gab einfach mal bei Google "Max Czollek" und "Jude" in die Suchleiste ein. Beim Betrachten der Ergebnisse wurde mir sofort klar, dass ich das schon mal früher hätte machen sollen. Ehh, ich hasse früher.

Ich las Titel wie: "Weitere Journalisten bezichtigen Max Czollek der Lüge", "Jüdische Identität: Der Fall Max Czollek", "Wer gilt als Jude und wer darf als solcher reden?" Ich überflog eine Reihe dieser grobschlächtigen Artikel, die sich mit Max beschäftigten. Das war tatsächlich alles an mir vorbeigegangen. Ehhhh, ich hatte weder Zeit noch Lust, das alles en detail zu lesen. Hmmm… ich wurde müde… sehr müde… Ich legte meinen Kopf auf den Schreibtisch. Ja, nur kurz die Augen schließen. Wieso war ich so müde? Plötzlich hörte ich eine Stimme.

Samira: Hallo Daniel!

Daniel Donskoy: Woher kam sie? Etwa aus meinem Kopf? Hallo?

Samira: Daniel! Ich bin es, Deine innere Stimme!

Daniel Donskoy: Aber wieso klang sie so weiblich?

Samira: Tja, Daniel, warum denn nicht!

Daniel Donskoy: Ehehehe, okay, interessant - und was willst Du von mir?

Samira: Ich möchte Dir helfen, denn offenbar bist Du etwas gestresst und überfordert.

Daniel Donskoy: Ja, ich bin da gerade an so mehreren Sachen dran – und unter anderem bin ich auf der Suche nach meinem Freund Max – Max Czollek.

Samira: Ja, der Arme, hat gerade viel um die Ohren.

Daniel Donskoy: Ach, scheiße, weißt Du was darüber?

Samira: Also, ich – beziehungsweise Du – weißt schon einiges darüber. Du hast es nur vergessen – die Vaterjudendebatte?

Daniel Donskoy: Äh… Vaterjudendebatte? Äh? Was weiß ich denn?

Samira: Max wird vorgeworfen, dass er seine jüdische Identität nur erfunden hat. Beziehungsweise bezichtigt man ihn der Lüge, weil er nach halachischer Definition kein Jude ist.

Daniel Donskoy: Halachische Definition? Religiöse Gesetze! Bla bla bla. Nur wessen Mutter Jüdin ist, ist auch selber Jude?! Als ob so ein Rabbi das entscheiden kann! Wir sind hier immer noch in Deutschland! Wie fanden wir eigentlich die Wannsee Konferenz? Die beim ZDF? War gut, oder?

Samira: Wir fanden sie interessant.

Daniel Donskoy: Und wer wirft Max Czollek das vor, kein Jude zu sein?

Samira: Maxim Biller zum Beispiel.

Daniel Donskoy: Ehh, ich hasse Biller. Oder war das Broder? Egal. Wieso soll Max gelogen haben?

Samira: Naja, einige werfen ihm vor, dass er sich ein Image aufgebaut hätte, um übers Jüdischsein zu sprechen, obwohl ihm das gar nicht zustünde.

Daniel Donskoy: Okay, ehhhh… verstehe, Vaterjudendebatte, grob gesagt: unnötig.

Samira: Mhhhmmm, das würde ich so nicht sagen.

Daniel Donskoy: Ehhh, ich hasse innere Stimmen.

Samira: Das habe ich gehört! Aber jetzt mach erstmal die Augen auf! Los! An die Arbeit!

Daniel Donskoy: Verpiss dich! Ruckartig erwachte ich. Es war schon spät. Aber erstaunlicherweise hatte ich das Gefühl, dass sich in meinem Kopf irgendein Knoten gelöst hatte – dafür hatte sich ein anderer, noch viel größerer gebildet. Diese Vaterjudendebatte hinterließ ein großes Fragezeichen. Schließlich kannte ich Max schon eine Ewigkeit und hatte sogar zusammen mit ihm in Berlin eine jüdische Schule besucht. Eeh, ich hasse jüdische Schulen. Wieso kam diese Sache ausgerechnet jetzt auf? Wer hatte Interesse daran, ihn so zu diffamieren? Mhmhmh… Ich musste irgendwie vorankommen – zum Glück meldete sich mein Produzent David wieder bei mir.

David: Hey, Du erinnerst Dich noch an den Rundfunkrat?

Daniel Donskoy: Na klar! Tat ich nicht.

David: Der ist morgen in Köln. Vielleicht könntest Du da hin und den WDR direkt wegen der Programmdirektorin konfrontieren. Und vielleicht ist Nemi El-Hassan ja vor Ort – geht ja schließlich auch um sie.

Daniel Donskoy: Stimmt! Köln! Ehh… ich hasse Köln. Ein zur Stadt gewordener Herbsttag. Grau in Grau. Das Babylon der Medienwelt, die in ihrem karnevalesken Rausch unbeirrt am schiefen Turm der deutschen Unterhaltung herumhandwerkte. Nicht gerade die Metropole meiner Entertainment-Träume. Aber immerhin mit dem Zug relativ schnell erreichbar. David hatte Recht: Möglicherweise würden sich dort Fragen klären lassen. Ehhh… ich hasse Fragen.

Am nächsten Tag machte ich mich früh auf – zum Hauptbahnhof, wo ich einen dieser morgendlichen ICEs nahm. Die Fahrt verging – wie im Zuge, was auch daran lag, dass ich die gesamte Reise über schlief. Glücklicherweise ist es vom Kölner Hauptbahnhof zu den Fluren des WDR ein Katzensprung. Eehh, ich hasse Katzen. Ich eilte über die Domplatte. Es war neblig und regnete in Strömen – nichts anderes hatte ich erwartet. Und wie gewohnt weigerten sich im allgemeinen Grau dieser Stadt die Pfützen jegliches Licht oder gar einen Hoffnungsschimmer zu spiegeln. Köln – Alaaf it or leave it. Erstmal ein Bier.

Natürlich hatte ich mich nicht beim WDR angemeldet. Sicherlich würde dort niemand mit meinem Erscheinen rechnen – ich hoffte auf einen vorteilhaften Überraschungseffekt, auch wenn ich nicht wusste, wie dieser Vorteil hätte aussehen sollen. Das WDR-Gebäude war schnell erreicht. Leider bemerkte ich erst dort, dass ich nicht den blassesten Schimmer hatte, wo ich überhaupt hin musste. Der Mann an der Pforte – offenbar ein echter Kölner – konnte mir nicht weiterhelfen und einfach so reinlassen, wollte er mich auch nicht. Er lächelte mich an – das Arschloch. Ich zückte mein Handy. In der E-Mail dieses anderen Redakteurs musste ja irgendein Kontakt stehen. Doch als ich auf mein Handy-Display schaute, musste ich feststellen, dass ich es im Zug nicht aufgeladen hatte – mein Akku war leer. Ehehhe, ich hasse Akkus. Der Pförtner ließ sich nicht erweichen. Ohne Kontakt kam ich nicht weiter. Aber er verriet mir, dass ich mein Handy in der Kantine des WDR aufladen könnte. Diese befand sich gleich um die Ecke. Na gut, immerhin konnte ich dort auch gleich erfahren, was man als WDR-Mitarbeiter so aufgetischt bekommt.

Die WDR-Kantine - sie wirkte auf mich wie eine Mensa für Langzeitstudenten, mit dem Flair einer Shopping Mall. Aber gut, Kantinen sehen nun mal so aus wie sie aussehen. Funktional, keine Orte, um länger zu verweilen – wie die dritten Programme im linearen TV. Zu meiner Überraschung wurden die Gäste, die sich hier kurz vor Mittag aufhielten, nicht nur mit Essen versorgt, sondern dabei auch noch unterhalten. In einer dunklen Ecke war eine Art kleine Bühne aufgebaut, auf der eine Dame an einem Mikro stand und dank Lautsprechern gut zu hören war. Ihr äußeres Erscheinungsbild konnte ich nur als gewagt bezeichnen – wer trägt schon mittags in einer Betriebskantine Strapse. Aber gut, ich war in Köln. Offenbar handelte es sich hier um eine bekannte Komikerin. Auf einem Schild neben ihr an der Wand stand: "Lisa Schreckhart" – "Comedy-Kantine".

Lisa Schreckhart: Kommen ein Jude, ein Palästinenser und ein Chefredakteur einer großen Tageszeitung in eine Bar. Fragt der Barkeeper: Entschuldigen Sie – ist das schon ein Antisemitismusvorwurf?

Daniel Donskoy: Interessant. Ich hätte nicht gedacht, dass der WDR seinen Mitarbeiter:innen - ehhh, ich hasse Gendern - solch eine schwere Kost serviert. Ich blickte mich um und suchte in entgegengesetzter Richtung nach einer ruhigen Ecke. Ich brauchte eine Steckdose. Noch hatte ich die Hoffnung nicht aufgegeben, ins WDR-Gebäude zu gelangen. Zu meiner Verwunderung saß in einem verlassenen Bereich an einem Tisch ein Mann allein, den ich flüchtig kannte: Felix Dachsel, Journalist und Chefredakteur des VICE-Magazins. Ein sympathischer Typ – ehhh, ich hasse sympathische Typen. Soweit ich mich erinnerte, hatten wir irgendwann mal auf einer Party miteinander geplaudert. Wie er da am Tisch saß und etwas in einen Notizblock schrieb, wirkte er ähnlich falsch an diesem Ort wie ich selbst. Ich begrüßte ihn. Er erweckte kurz den Eindruck,  als wäre er bei etwas ertappt worden, schien sich dann jedoch sehr zu freuen, mich zu sehen.

Es täte ihm leid, sagte er, noch könne er nicht darüber sprechen, aber er wäre aktuell an einer großen Sache dran. Er könne noch nichts verraten, aber da er wisse, dass ich sowieso bald und vor vielen anderen von dieser Geschichte erfahren würde, wollte er mir zwei Hinweise geben: Deutsche Welle – und: Antisemitismus. Oookay, meinte ich. Und da wir nun schon mal über Geheimnisse redeten, weihte ich ihn ebenfalls in meine Suche nach Nemi El-Hassan ein. Selbstverständlich war er als Journalist besser im Bilde als ich selbst und hatte eine deutliche Meinung zum Umgang mit ihrem Fall in den Medien – ehhh, ich hasse die Medien.

Felix Dachsel: Die Strategie zu sagen, das ist eine Springer-Kampagne, ist halt Quatsch. Da gab es dann auch Texte, die wollten nachweisen, wie das von rechts kam und so weiter. Also es gilt immer, wenn jemand von Rechten angegriffen wird, gehört die komplette Solidarität dieser Person. Gleichwohl kann man sagen: Ja, aber es gibt noch diese Äußerung, über die müssen wir auch reden. Also ich glaube, es gibt für Minderheiten generell zu wenig Platz in deutschen Medien. Ich glaube schon, dass wir generell diverser werden müssen und dass noch zu viel der Durchschnittsdeutsche dargestellt ist. Ich glaube, da wo auch eine Selbsterkenntnis in den Medien eingetreten ist.

Ich glaube, wenn palästinensische Stimmen auch gehört werden, wird es zu oft vielleicht durch eine deutsche Brille auch gefiltert und man will irgendwie was hören, statt einfach mal die ganze Vielfalt darzustellen. Ich glaube, man muss immer vorsichtig sein, wie man diese Diskussion führt. Mir ist auch noch viel mehr klar geworden, dass man das nicht zu sehr individualisieren sollte. Das gibt der Gesellschaft auch einen viel zu leichten Exit, wenn man so sagt: Genau, da ist diese eine Moderatorin, die hat mal was Komisches getwittert und jetzt fallen wir über sie her. Das ist eine Art von Externalisierung, aber man muss wirklich die strukturellen Probleme sehen. Es geht nicht darum, einzelne Menschen zu vernichten und sie zu jagen und so weiter. Das hilft wirklich niemandem und dem Thema am allerwenigsten.

Daniel Donskoy: Ja, er hatte Recht. Über all das hätte ich gerne auch persönlich mit Nemi El-Hassan gesprochen – vor der Kamera, aber vielleicht erstmal auch einfach privat. Ich verabschiedete mich von ihm, fand eine Steckdose und wartete ein paar Minuten bis mein Handy wieder aufleuchtete. Ich sah, dass meine Agentin Susanne mehrmals versucht hatte, mich zu erreichen. Ich rief sie zurück.

Susanne: Ey, wieso gehst Du nicht ran?

Daniel Donskoy: Sorry, ich versuche gerade ins WDR-Gebäude zu kommen.

Susanne: WDR? Was? Wo steckst du?

Daniel Donskoy: Na, in Köln.

Susanne: Köln? Was machst Du denn in Köln? Beweg Deinen Arsch sofort in den nächsten Zug nach Berlin. Dieser stinkreiche Russe ist nur noch heute da und möchte Dich unbedingt für ein Casting sehen. Mann! Der will Dich besetzen!

Daniel Donskoy: Kannst Du das nicht verschieben?

Susanne: Daniel! Es geht um sehr, sehr viel Geld! Bahnhof. Jetzt!

Daniel Donskoy: Aber Susanne, ich muss… Susanne hatte aufgelegt. Boah, ich hasse Agenten. Aber Susanne mag ich eigentlich. Mein Besuch im WDR war damit gestorben. Ich brach sofort auf, zurück zum Bahnhof. Das war bislang zweifellos mein kürzester Besuch in Köln, aber wirklich genau so lange wie notwendig. In den Tagen nach meinem Besuch in Köln musste ich mich um einige weitere Schauspiel-Angelegenheiten kümmern. Fotoshootings, Interviews, ein Fernsehauftritt. Fast hätte ich dabei Nemi El-Hassan und auch Max vergessen, aber dann rief mich David mit einer Neuigkeit an, die uns in mehr als Staunen versetzte.

David: Hast Du ihn schon gelesen?

Daniel Donskoy: Was?

David: Na, den Text von ihr? Nemi El-Hassan. In der Berliner Zeitung.

Daniel Donskoy: Ich saß vorm Rechner und googelte sofort danach – und klickte auf das erste Suchergebnis. Gastbeitrag: Nemi El-Hassan: "Ich bin Palästinenserin – deal with it!" Sie war offenbar am Leben. "Was steht drin?", fragte ich David.

David: Lies mal und dann können wir gerne beraten, was wir machen. Mein Vorschlag wäre, Du rufst direkt in der Berliner Zeitung an und findest heraus, ob sie dir dabei helfen können, sie zu kontaktieren. Versuch’s am besten Mal über Hanno Hauenstein, der ist da Ressortleiter in der Wochenendausgabe. Der hat sie öffentlich verteidigt.

Daniel Donskoy: Hauenstein… Ich las zunächst den Text von ihr. "Ich bin Palästinenserin – deal with it!" Bild-Zeitung, WDR, Israel, Palästina… Humm… ein Rundumschlag, okay, aber bei so einem öffentlichen Angriff blieb dem WDR wohl keine andere Option als sie zu feuern. Eine echte Auseinandersetzung hätte sicherlich allen Beteiligten mehr gebracht. Nun hatten sich die Fronten verhärtet. "Es steht schlecht um die vielfach gerühmte Debattenkultur in diesem Land", schrieb sie. Ja eben! Deshalb wollte ich ja mit ihr darüber sprechen. Ich las einige Kommentare von Hanno Hauenstein und recherchierte seinen Kontakt bei der Berliner Zeitung. Einige Minuten später hatte ich ihn tatsächlich am Telefon. Leider konnte er mir aus journalistischen Gründen keinen Kontakt zu Nemi vermitteln, aber immerhin war er bereit, mir Fragen zu beantworten. Ich wollte erstmal wissen, wieso und ab wann er sich an der Diskussion beteiligt hatte. Ehhh, ich hasse Diskussionen.

Hanno Hauenstein: Ich war ziemlich von Anfang an da drin. Ich hatte ja zwei größere Texte zu der Sache geschrieben und  nach dem ersten Text habe ich nochmal diese Clips mir angeguckt von Reichelt und in der Bild– und Reichelt ist in meinen Augen ein Idiot, aber er ist paradigmatisch für diese Institution. Ich glaube, bei Nemi El-Hassan war es so ungefähr sofort klar – also man muss nicht lange googlen, um zu verstehen, woher sie kommt. Sie hat palästinensische Wurzeln, sie hat einen Bezug zu diesem Land so wie Du einen Bezug zu diesem Land hast und ich auch einen gelernten Bezug zu diesem Land habe. Also sie ist eine Person, die sich nicht grundlos dazu äußert und sie hat Beiträge gemacht über Antisemitismus, um ihn zu bekämpfen. Also das benötigt zwei Klicks, dann ist man irgendwie da.

Und dass, ja nicht nur die Bild, sondern sehr viele Medien zu meinem eigenen Scham auch die Berliner Zeitung am Anfang, Nemi El-Hassan am Anfang mit Kopftuch abbilden. Die Bild immer noch, über Monate hinweg - ist shameless und peinlich. Es war eine Kampagne des Springer-Verlags. Es ist ja von der Zeit auch offengelegt worden, woher dieses Videomaterial stammte ursprünglich. Das ist von einem Ex al-Qaida, Ex-V-Mann, heute einfach rechtskonservativer Spinner, und die Bild-Zeitung hat das aufgenommen und weiterverbreitet.

Also ich meine, dass das eine Kampagne war, ist für mich... - steht außer Frage. Ich würde ein ehrliches Interesse für Antisemitismus-Bekämpfung beim Springer-Verlag sehen, wenn der Springer-Verlag anfangen würde, über seine Geschichte zu sprechen. Wenn der Springer-Verlag anfangen würde, über Menschenfeindlichkeit und Rassismus zu sprechen in der Art und Weise, wie er über Antisemitismus spricht, wenn er da die Verbindung herstellt und die Ähnlichkeiten herausstellt, und wenn er wirklich – also um sich ehrlich zu machen, sozusagen. Demgegenüber müsste einiges kommen, damit ich das ernst nehme.

Daniel Donskoy: Gut, über Hanno Hauenstein kam ich also nicht an Nemi El-Hassan ran. Aber offenbar war sie wohlauf und wollte einfach ihre Ruhe haben. Da konnte ich nichts machen. Eehhh, ich hasse es, wenn ich nichts machen kann. Konnte ich Nemi doch noch irgendwie umstimmen, um die deutsche Debattenkultur zu retten?