Tom Buhrow über Heinrich Böll: "Ein wichtiger Autor"

Intendant Tom Buhrow

Tom Buhrow über Heinrich Böll: "Ein wichtiger Autor"

Von Tom Buhrow

Der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll war dem in Köln beheimateten WDR in besonderer Weise verbunden. Noch bevor ihm als Schriftsteller der Durchbruch gelang, war Böll in der Nachkriegszeit als Hörspielautor journalistisch für NWDR und WDR tätig.

In der heutigen Medienwelt kann man nur noch schwer nachvollziehen, welche Bedeutung der Hörfunk für das junge Nachkriegsdeutschland hatte. Das Radio war Informationsquelle, Unterhaltungsmedium und Ort der Kunst. Der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll war dem in Köln beheimateten WDR in besonderer Weise verbunden.

Heinrich Böll, 1982

Heinrich Böll war für den WDR journalistisch tätig und er gehörte zu den wichtigen Hörspielautoren der Nachkriegszeit. Der Hörfunk, speziell der WDR und sein Vorläufer, der NWDR, waren für Böll ein wichtiger Auftraggeber. Noch bevor Böll mit seinen Kurzgeschichten und Erzählungen der schriftstellerische Durchbruch gelang, war er als Hörfunkautor erfolgreich.

Literarische Kritik an Kontinuität im Nachkriegsdeutschland

Böll schonte dabei seinen Auftraggeber nicht. In seiner Kurzgeschichte "Doktor Murkes gesammeltes Schweigen" (die das Kulturradio WDR 3 am Abend seines Geburtstags im Kölner Funkhaus live aufführen wird, d. R.) setzte er sich literarisch mit der Kontinuität im deutschen Rundfunk und der Intellektuellenszene im Nachkriegsdeutschland auseinander. Mit den Mitteln der Kunst kritisierte er, dass so mancher 1945 vom "Saulus zum Paulus" wurde und Karriere auch im Rundfunk machen konnte. Auch der WDR war, wie allseits bekannt sein dürfte, nicht frei von solchen Karrieren.

Böll sitzt am 07.12.1970 in seinem Arbeitszimmer in seiner Wohnung in der Kölner Südstadt

Bölls scharfer Blick auf die bundesrepublikanischen Verhältnisse, der oft in die Form der Satire gekleidet wurde, fand im WDR einen Partner, dessen Grundverständnis davon geprägt ist, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk einen wichtigen Beitrag zur Demokratie leistet. Dieses Verständnis der Gründungsjahre hat von den Leibzeiten Heinrich Bölls bis heute nicht an Aktualität eingebüßt. Damit unterscheidet sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk von anderen Massenmedien, die vor allem nach marktwirtschaftlichen Kriterien funktionieren.

Medienkritik übte Böll nicht nur in der bereits erwähnten Arbeit "Doktor Murkes gesammeltes Schweigen", sondern auch in der Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder: Wie Gewalt entsteht und wohin sie führen kann". Diese Erzählung wurde beeindruckend von Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta mit Angela Winkler in der Hauptrolle verfilmt. Der WDR hat diesen Film mitproduziert.

Vielfältige neue Medienwelt

Was würde Böll zur heutigen Vervielfachung der Verbreitungswege von Inhalten sagen? Und zur Konkurrenz von öffentlich-rechtlichen und kommerziellen Medien sowie zum Streit zwischen Printmedien und Rundfunkanstalten? Und was zur kaum überschaubaren Menge von "Gatekeepern" im Netz?

Die früher sehr überschaubare Medienwelt ist längst einer Vielfalt von Anbietern und Plattformen gewichen. Für viele Nutzer wird es immer schwieriger, die Angebote exakt einzuordnen und zu bewerten. Für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk besteht die Herausforderung darin, neben seinen bisherigen Ausspielwegen auch im Netz Zuhörer und Zuschauer zu erreichen, um seinem Auftrag, Information, Bildung, Unterhaltung und Kultur zu vermitteln, auch weiterhin in angemessener Weise nachzukommen.

Tom Buhrow ist Intendant des Westdeutschen Rundfunks.

Stand: 26.10.2017, 15:43