Viele Mücken, höhere Steuern und kein Bier

Stadtbild Wolgograd

Viele Mücken, höhere Steuern und kein Bier

Von Olga Sviridenko

Die Fußball-WM hat für viele Russen zwei Seiten. Einerseits freuen sie sich über den Trubel in den Städten und die vielen Ausländer. Auf der anderen Seite sind sie erzürnt über die Erhöhung der Mehrwertsteuer und die Anhebung des Renteneintrittsalters. Ein Blick nach Wolgograd.

"Hier, nehmen sie das, für die Mücken!", sagt die ältere Dame in Wolgograd und hält ein WM-Info Blatt hin - zum Fächern. Das soll zumindest ein wenig helfen, die Insekten fernzuhalten, die gerade die Stadt belagern. Auch auf andere für viele Fans recht essentielle Dinge muss verzichtet werden: "Alkohol gibt es während der WM nicht", klärt eine Verkäuferin im Supermarkt ihren klagenden Kunden auf. Und so sind rund um die neugebaute Pobeda-Arena gerade wild fuchtelnde Einheimische, Reporter und Fans zu beobachten - ohne Mückenschutz und ohne Bier.  

330 Millionen Euro für vier Spiele

Bis zumindest letzteres wieder verfügbar ist, müssen zunächst die vier WM-Spiele in Wolgograd vorüber sein, für die der Staat etwa 330 Millionen Euro springen ließ: So zumindest die geschätzten Kosten der Arena, die auch viele Russen ohne WM-Ticket anzieht: "Am Tag der Fussballturniere müssen wir nicht arbeiten, die Stadt hat uns freigegeben. Viele Straßen sind ja ohnehin gesperrt", sagt Zoya, die als Schaffnerin arbeitet und zusammen mit ihrer Freundin auf dem Weg zum Stadion ist.

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"Ich habe das Stadion nur im Fernsehen gesehen, war noch nie dort. Ich will es mir mal aus der Nähe angucken. Jetzt, wo alle davon sprechen." Die beiden Russinnen sind eigentlich in Rente und trotzdem arbeiten sie, da es sonst zum Leben kaum reichen würde. Ein Schicksal, dass sie mit vielen in Russland teilen: Die Durchschnittsrente liegt bei umgerechnet 200 Euro im Monat, jeder Zehnte muss im Rentenalter dazuverdienen.

Erhöhung der Mehrwertsteuer auf 20 Prozent

Die WM hat für Zoya zwei Seiten:  Zum einen, sagt sie, freue sie sich auf die vielen Ausländer, die ihre Stadt besuchen:  "Sie sollen sehen, dass wir nicht wie die Regierung sind, wir sind nicht die Marionetten des Kremls." Zum anderen ist sie über Gesetzesänderungen eben dieser Regierung frustriert, die Russland während der WM ohne größere Debatte erlies: Erhöhung des Rentenalters um gleich acht Jahre für Frauen und eine Erhöhung der Mehrwertsteuer um zwei Prozentpunkte auf jetzt 20 Prozent. Die ohnehin in den letzten Jahren aufgrund des Rubelverfalls stark angestiegenen Preise werden demnach weiter in die Höhe gehen.

 Der Oppostionspolitiker Ilja Jaschin hat diese Entscheidungen des Kremls kommen sehen. Die Kassen sollen wieder aufgefüllt werden, nachdem Russland mit offiziell rund elf Milliarden Euro die teuerste WM der Fussballgeschichte ausrichtet. Das Volk bekomme nun die Rechnung für die kostspieligen Ausgaben des Staates, sagt er gegenüber sportschau.de: "Das ist grenzüberschreitender Zynismus. Das Volk ist für Putin das neue Öl. Er wird es melken,  um seine Gefolgschaft, um den Sicherheitsapparat zu finanzieren, weil es in Russland an Geld fehlt", so der ehemalige Stabschef des ermordeten Putinkritikers Boris Nemtsow, der für die kommende Bürgermeisterwahl in Moskau kandidiert.

Das Volk hintergangen

Mit den Gesetzesänderungen habe Putin wieder einmal das Volk hintergegangen, es zeige die klare und demonstrative Prioritätenliste der Regierung: Man spare an den alten Menschen und bediene kremlloyale Oligarchen. "Putin hatte immer wieder versprochen, dass es keine Erhöhung des Rentenalters geben wird und es überrascht überhaupt nicht, dass diese Entscheidungen während der Weltmeisterschaft gemacht wurden, wenn der Fokus auf dem Sport liegt." Als der Präsident bei der Eröffnungsfeier im Moskauer Luschniki-Stadion den Startschuss für die WM gab, verkündete der Ministerpräsident Dimitrij Medwedew die härtesten sozialen Einschnitte für die russische Bevölkerung seit den 90er Jahren.

"Es ist besser, dem Volk das Brot zu wegzunehmen, solange es was zum Gucken gibt", kommentiert Novaya Gazeta, die letzte unabhängige Zeitung Russlands, die Gesetzesänderungen. Angenehmer Nebeneffekt: Während der WM sollte auch niemand dagegen protestieren können - der Kreml hat per Erlass die Demonstrationsrechte für das FIFA-Turnier eingeschränkt.

Deutschland hat es vorgemacht

Einschneidende Entscheidungen mit Folgen für die Bevölkerung im Schatten der Weltmeisterschaft durchzudrücken, ist allerdings keine russische Innovation. Auch die deutsche Bundesregierung nutzte die Heim-WM 2006 für die größte Steuererhöhung in der Geschichte. Als sich schon alle auf den Ball konzentrierten, wurde in Deutschland die Mehrwertsteuer flugs erhöht.

Stand: 19.06.2018, 11:52