Interview: "Viele Türkeistämmige fühlen sich als Bürger zweiter Klasse"

Minister Binali Yildirim in Oberhausen

Interview: "Viele Türkeistämmige fühlen sich als Bürger zweiter Klasse"

Die Türkeistämmigen in Deutschland entzweien sich im Wahlkampfstreit. Über ihre Lebensumstände haben wir vor der Sendung "Ihre Meinung" mit dem Münsteraner Religionssoziologen Detlef Pollack gesprochen.

WDR: Professor Pollack, Sie haben eine Umfrage unter Türkeistämmigen geleitet. Fühlt sich die untersuchte Gruppe in Deutschland wohl?

Detlef Pollack: Zur Zeit ist die Empörung unter vielen in Deutschland lebenden Türkeistämmigen über die Politik der Kommunen und der Bundesregierung in Deutschland groß. Wenn man sie unabhängig von den aktuellen politischen Aufregungen fragt, ob sie sich im Großen und Ganzen hier wohl fühlen, sind es 90 Prozent, die das bejahen. Das war ein Ergebnis unserer Umfrage, das uns  sehr erstaunt hat.

WDR: Wie verbreitet sind islamisch-fundamentalistische Einstellungen unter den Türkeistämmigen in Deutschland?

Pollack: Das hängt davon ab, was man unter Fundamentalismus versteht. Die Hälfte der von uns befragten Türkeistämmigen meinen, es gebe nur "eine wahre Religion". Etwa ein Drittel sagt, wir sollten zur Gesellschaftsordnung zu Zeiten Mohammeds zurückkehren, etwa genauso viele, dass allein der Islam die Lösung der Probleme unserer Zeit bereithalte. (Anmerkung der Redaktion: In der Studie konnten die Befragten mehreren Aussagen in vier Abstufungen zustimmen, Seite 14 der Studie)

WDR: Wie gut integriert sind die Türkeistämmigen der zweiten und dritten Generation? Fühlen sich die Nachfahren türkischer Gastarbeiter eher als Türken oder eher als Deutsche?

Religionswissenschaftler Detlev Pollack

Religionssoziologe Detlef Pollack im Interview

Pollack: Die Integration unter den Angehörigen der zweiten und dritten Generation ist deutlich weiter vorangeschritten als in der ersten Generation. Die Jüngeren sprechen besser Deutsch, sind höher gebildet, haben mehr Kontakt zu Deutschen.

Für sie ist es besonders wichtig, sich an die deutsche Kultur nicht nur anzupassen, sondern ihre Herkunftsprägung zu bewahren und in Deutschland mit ihren türkischen Wurzeln wahrgenommen zu werden.

WDR: Viele junge Erdogan-Anhänger haben in den vergangenen Wochen türkische Minister zum Beispiel in Oberhausen und Köln gefeiert. Wie erklären Sie sich die Unterstützung eines Präsidialsystems in der Türkei von Menschen, die hier bei uns in Freiheit leben können?

Pollack: Türkeistämmige, die Erdogan unterstützen, sehen in ihm denjenigen, der die Türkei stark gemacht hat – ökonomisch, militärisch, politisch. Für sie ist die Türkei ein Erfolgsmodell und damit ein Ausnahmefall in der muslimischen Welt.

WDR: Was sollten die Bürger und Politiker in diesem Land unternehmen, um Türkeistämmige besser zu integrieren und mehr Berührungspunkte zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen zu schaffen?

Bettina Böttinger

Bettina Böttinger diskutiert mit Experten Ihre Fragen

Pollack: Am wichtigsten ist, dass wir den türkeistämmigen Mitbürgern mit Achtung und Respekt begegnen. Viele von ihnen fühlen sich nicht anerkannt, als Bürger zweiter Klasse.

Ihre Empörung, ihre Anspruchshaltung gegenüber der deutschen Politik, ihre auftrumpfende Rhetorik haben in diesem Gefühl der Unterschätzung einen wichtigen Grund.

Die Fragen stelle Andreas Sträter.

Stand: 23.03.2017, 06:00

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