Ist das Camping oder eine Staatsgründung?

Wunderland im Grenzgebiet

Ist das Camping oder eine Staatsgründung?

Zwei Wohnwagen auf einer Wiese - das ist Wunderland. Weil die deutsch-niederländische Grenze falsch definiert sei, gründeten zwei Männer diesen Fantasiestaat. Die Gemeinde findet es nicht lustig, weil das Gelände gewerblich genutzt werden soll.

Abgeschieden, still liegt es da, das Grenzgebiet zwischen Deutschland und den Niederlanden. Eigentlich. Seit kurzem aber ist aus dem Niemandsland Wunderland geworden. Ein Staat mit eigener Flagge und eigenen Einwohnern. Zwei Wohnwagen, zwei Männer und ein Hund mitten in einem Gewerbegebiet, mit selbst entworfenen Fahnen ist die grüne Wiese abgesteckt, ein Schild weist auf das "Wonderland" hin. 485 Meter lang und gerade einmal sechs Meter breit ist es und liegt "genau zwischen der deutschen und der niederländischen Grenze", sagt Bewohner und Staatsgründer Yoshi Levi.

Gegenmodell zu bisherigen Lebensformen

Und die Wunderländer meinen es ernst, wollen den 194. Staat der Welt, mit allem drum und dran. Am 21. September habe man die Unabhängigkeit erklärt gegenüber den Vereinten Nationen. "Das wird das Land der unbegrenzten Möglichkeiten", sagt Yoshi Livo. Neben Livo campiert seit vier Wochen René van Reenen mit seinem Husky Luna dort, die Wohnwagen bezeichnen sie als Regierungssitz. Es soll ein Gegenmodell zu bisherigen Lebensformen entstehen, lässt Staatsgründer Yoshi Livo wissen. "Wir wollen mit ganz wenigen Gesetzen auskommen." Viele Menschen wollten einen gesellschaftlichen Wandel, wüssten aber keinen Weg dorthin. Deshalb wurde das Wunderland gegründet - "das neue Land für freie Menschen". Mehr als zweihundert Sympathisanten haben sich bereits gefunden und wollen Wunderländer werden. Wohnen müssen sie aber außerhalb, der Platz reicht nicht aus.

Am Lagerfeuer wird über die Gesetze diskutiert

Die Gruppe fühlt sich im Recht. Die 3000 Quadratmeter gehörten ursprünglich einem niederländischen Bauern, der das Land aufgegeben habe. Anschließend hätten die beiden Staaten die genaue Grenzziehung unterschiedlich definiert. In diese vermeintliche Lücke, in dieses ausgetrocknete Bachbett sind die zwei Männer und der Hund gezogen. "Wegen ihres Geldsystems und Profit-Denkens sind Regierungen in Kriege verwickelt jeden Tag und ich will der künftigen Generation zeigen, dass ich weiß, was im Moment geschieht und dass ich nicht Teil davon sein möchte." Nach der Unabhängigkeitserklärung wird am jetzt Lagerfeuer über Gesetze, Bankensystem und Auto-Nummernschilder diskutiert.

Gemeinden werten Aktion als "illegales Campen"

Bei den angrenzenden Gemeinden Coevorden (Niederlande) und Emlichheim (Deutschland) stößt die Staatsgründung aber auf Ablehnung. "Wir wollen eine friedliche Co-Existenz, aber davon war leider in unseren Gesprächen nicht die Rede." Die Gemeinden werten die Aktion als "illegales Campen" und wollen das Gelände durch die Polizei räumen lassen. Am Freitag (27.11.2015) brachte der Bürgermeister von Coevorden ein Dokument ins Gespräch ein, dass die lückenlose Grenzführung bestätigt. Yoshi Livo und seine Mitstreiter wurde eine Zwei-Wochen-Frist gesetzt.

Eine diplomatische Anerkennung des "Wonderland" erscheint daher unwahrscheinlich. Die niederländische Gemeinde Coevorden habe das Gelände gekauft, sagt Emlichheims Bürgermeisterin Daniela Kösters. Dort solle das länderübergreifende Gewerbegebiet Europark erweitert werden. Ein Unternehmen steht demnach schon als Investor bereit. "Das ist schon alles legal geprüft worden. Da gibt es kein Niemandsland", sagt Daniela Kösters. Und selbst wenn ein Zipfelchen nicht zu einem Land gehört, sei es in ihren Augen nicht möglich, "dort einfach so einen Staat zu gründen".

Stand: 27.11.2015, 15:00