Schlaganfall: "Körperlich war ich einem Kleinkind ähnlich"

Schlaganfall: "Körperlich war ich einem Kleinkind ähnlich"

Ringer Alexander Leipold gewann Olympia-Gold, war kurz darauf nach Schlaganfällen halbseitig gelähmt. Wie er den schwersten Kampf seines Lebens gewann, beschreibt er zum Tag des Schlaganfalls im exklusiven Gastbeitrag für die Aktuelle Stunde.

Alexander Leipold krönte seine erfolgreiche Karriere mit dem Sieg bei den Olympischen Spielen in Sydney 2000. Nach seinen Schlaganfällen wurde der Kampf zurück ins Leben sein größter Sieg. Innerhalb eines Jahres war er körperlich fast vollkommen genesen und stand bereits wieder auf der Ringermatte. Sein erfolgreich überwundenes Schicksal soll den Menschen Mut machen, sie motivieren nach vorne zu schauen, wünscht er sich:

Liebe Schlaganfall-Patienten, liebe Angehörige, liebe Leser!

2003 war das schwärzeste Jahr meines Lebens. Ich war 34. Nach einer Viruserkrankung hatte ich drei Schlaganfälle in einer Woche, war halbseitig gelähmt, konnte nicht sprechen, kaum schlucken. Es passierte in einem Trainingslager in Usbekistan, wo ich mich auf einen Länderkampf vorbereitete. Beim Ausziehen der Jacke habe ich Gefühlsstörungen in der kompletten linken Seite bemerkt, diese aber ignoriert und den Wettkampf durchgezogen. Nach dem Kampf gingen die Störungen aber nicht weg. Ich beschloss, den nächsten Flug nach Hause zu nehmen, wo ich direkt zum Neurologen ging. Der diagnostizierte einen leichten Schlaganfall.

Körperlich in bester Form, nicht geraucht, kein Alkohol

Das war ein Schock! In dem Alter und als Sportler rechnet man mit so etwas nicht. Ich war körperlich in bester Form, habe nicht geraucht und keinen Alkohol getrunken. Zudem ging es mir noch relativ gut. Trotzdem überwies der Neurologe mich in die Stroke Unit der Uniklinik Würzburg. Ich wurde von Kopf bis Fuß durchgecheckt - als Auslöser wurde eine verschleppte Virusinfektion benannt. Obwohl ich mich gut fühlte, wollten mich die Ärzte noch nicht nach Hause schicken. Sie ordneten Untersuchungen wie Langzeit-EKGs an. Das war mein großes Glück.

Schlaganfall kam aus heiterem Himmel, ohne Symptome

Nachts wird man in der Stroke-Unit-Station alle zwei Stunden geweckt, um Pupillen und Ansprechbarkeit zu kontrollieren. Während einem dieser Intervalle hatte ich zwei weitere Schlaganfälle – aus heiterem Himmel, ohne Symptome, ohne vorherige Warnung meines Körpers. Diese wurden nur dank der Überwachung sofort erkannt und sofort behandelt! Wäre ich zu diesem Zeitpunkt bereits zu Hause gewesen, wäre ich heute vielleicht nicht mehr am Leben.

Alleine essen, anziehen, duschen - nichts war möglich

Nach den Folgeanfällen war ich halbseitig gelähmt und konnte nicht mehr sprechen. Alleine essen, anziehen, duschen – es war nichts mehr möglich. Körperlich war ich einem Kleinkind sehr ähnlich. Diese Hilflosigkeit war schrecklich. Der Geist funktioniert weiter, nur eben Körper und Sprache nicht. So wusste ich genau, was ich sagen wollte, habe die Wörter im Kopf formuliert, doch sie kamen mir nicht über die Lippen. Man erlebt alles wie durch einen Glaskasten und dann kommt die Zeit, in der das „Warum“ eine große Rolle spielt: Warum passiert mir so etwas? Und dann kommt der Punkt, an dem man sich entscheiden muss.... Ob man kämpft – für sein Leben, seine Familie, die Zukunft – oder eben nicht.

Körper und Geist rund um die Uhr fördern und fordern

Dann begann meine Reha im Medical Park Bad Rodach - vier Wochen das volle Programm. Logopädie, Ergotherapie, Gleichgewichtstraining, Radfahren, Aquatraining, Tai Chi, Gedichte auswendig lernen - ich habe versucht, meinen Körper und Geist rund um die Uhr zu fordern und zu fördern. Im Anschluss daran, habe ich bei meinem Physiotherapeut Werner Kraß noch eine Reittherapie auf dem Heidhof gemacht. Mein größter Antrieb war sicherlich, nicht als Pflegefall zu enden. Ich wollte ein ganz normales Leben führen und alles selbstständig machen können. Egal ob Zähne putzen, essen oder mit meinem Sohn spielen. Ich wollte nicht mit 34 im Rollstuhl sitzen und für alles Hilfe benötigen. Das war meine größte Motivation.

Es trifft nicht nur alte Menschen

Es trifft nicht nur alte Menschen - Kinder, junge Menschen und ja, auch Sportler, sind betroffen. Das ist auch der Grund, warum mein neues Buch als Mutmacher-Buch geschrieben ist. Ich will den Leuten Mut machen. Ich will, dass sie sehen, dass man durchaus als komplett gesunder Mensch, der keine bleibenden Schäden hat, aus dem Kampf hervorgehen kann. Was man dazu braucht sind Ehrgeiz und der unbändige Wille, es zu schaffen. Ich hoffe, den Menschen - mit egal welchen Rückschlägen - zu helfen und sie motivieren zu können, jeden Tag weiter zu machen; den Kopf nicht in den Sand zu stecken und immer nach vorne zu schauen.

Auch deshalb halte ich Vorträge, in denen ich Menschen bewusst mache, dass es immer die eigene Entscheidung ist, ob man am Boden liegen bleibt oder ob man seine Kräfte zielgerichtet mobilisiert und über sich hinauswächst. Denn jeder kann lernen mit Niederlagen umzugehen, die Rückschläge gewinnbringend zu verarbeiten und neue Wege zum Ziel entdecken.

Euer Alexander Leipold

Stand: 10.05.2016, 18:00