"Die Gastfreundschaft hat mich sehr beeindruckt"

1LIVE-Moderatorin Tina Middendorf auf Lampedusa

"Die Gastfreundschaft hat mich sehr beeindruckt"

Lampedusa ist längst Sinnbild für Tausende von Flüchtlingsschicksalen. 1LIVE-Moderatorin Tina Middendorf war auf der italienischen Insel, auf Sizilien und in Istanbul. In einem sehr persönlichen Interview erzählt sie, was sie auf ihrer Reise erlebt und was sie bewegt hat.

Aktuelle Stunde: Tina, Du warst mit Kollegen auf Lampedusa. Was war das Ziel Eurer Reise?

Tina Middendorf: Wir wollten uns angucken, wo die Flüchtlinge herkommen und wo sie ankommen, wenn sie europäischen Boden betreten. Man kennt diese Bilder ja immer nur aus dem Fernsehen. Aber wenn man dann auf Lampedusa in dieser kleinen Hafenstadt steht und mitten in der Nacht ein Flüchtlingsboot anlegt, man sieht, wie die den ersten Fuß wieder auf festen Boden setzen, und sieht, was für einen Gesichtsausdruck sie haben: Dann kann man sich ungefähr vorstellen, was die durchgemacht haben müssen.

Aktuelle Stunde: Du bist vor wenigen Tagen zurückgekommen, das Erlebte ist noch ganz frisch. Was fällt Dir ein, wenn Du Deinen ersten Eindruck mit einem Wort beschreiben müsstest?

Middendorf: "Einsam". Wir sind mit der Fähre von Sizilien nach Lampedusa übergesetzt. Es war gerade Sonnenuntergang. Und wenn man dann da oben auf dem Deck steht, irgendwann auch keine Insel mehr in Sicht ist und man sich einmal im Kreis drehen kann, ohne etwas anderes als den Horizont und das Meer zu sehen, hat man ein wenig den Eindruck, wie die Flüchtlinge sich fühlen müssen. Auf diesen wirklich kleinen, klapprigen Holzbooten, irgendwann ist ihnen der Sprit ausgegangen. Die sitzen - das haben mir auch Flüchtlinge erzählt - Tage auf dem Wasser, gucken die ganze Zeit auf den Horizont und warten darauf, dass Hilfe kommt. Es geht schon ganz schön tief rein, wenn man auf dieser Fähre ist, auf diesem Stückchen Mittelmeer, von dem man weiß, dass irgendwo am Horizont in diesem Moment so ein Boot treibt. Einsam und hilfslos..

Aktuelle Stunde: Wie hast Du den Besuch erlebt, war es so, wie Du es Dir vorgestellt hast?

Middendorf: So gut es ging, habe ich versucht, mir vorher keine Vorstellung davon zu machen - abgesehen von der, die man natürlich hier in Deutschland hat, weil man die Bilder kennt. Daher dachte ich, es sei alles ein bisschen trostloser. Insgesamt war das sehr absurd: Lampedusa ist eine kleine, karibisch anmutende Insel. Sie sieht schön aus, blauer Himmel, 27 Grad. Die Insel hat ja auch mal vom Tourismus gelebt. Dann legt man mit dieser riesengroßen Fähre im Hafen an und sieht unten auf dem Pier etwa 200 Flüchtlinge sitzen, die am letzten Wochenende angekommen sind und mit eben dieser Fähre weiterfahren nach Sizilien.

Aktuelle Stunde: Die Situation ist bestimmt auch für die Menschen, die auf Lampedusa leben, nicht leicht...

Middendorf: Lampedusa ist so klein, hat eine Länge von zehn Kilometern, und da leben knapp 5.000 Menschen. Am letzten Wochenende sind sehr viele Menschen aus dem Mittelmeer gerettet worden. Weil das Wetter so gut war, sind sehr viele aufgebrochen. Da waren 2.500 Flüchtlinge allein auf Lampedusa. Das heißt: Die Hälfte der Einwohnerzahl noch mal dazu. Jeder, der auf Lampedusa wohnt, ist davon betroffen. Jeden Tag kommen Flüchtlingsboote. Das ist das alles beherrschende Thema.

Aktuelle Stunde: Wie gehen die Einheimischen damit um, wie hast Du die Menschen erlebt?

Middendorf: Ich fand vor allem toll, wie die Einheimischen damit umgehen, wie gastfreundlich die sind, wie sehr ihnen das Schicksal dieser Menschen, die da ankommen, nahegeht. Die Bürgermeisterin hat mir erzählt, wie stolz sie auf ihre Menschen auf Lampedusa sei, weil die den Flüchtlingen immer noch mit der Einstellung begegneten: "Wir müssen denen helfen. Die hatten einen Traum, als sie aufgebrochen sind. Dann sollten wir ihnen zumindest ein herzliches Willkommen bieten." Das fand ich ziemlich beeindruckend. Als mitten in der Nacht ein Boot ankam, war gefühlt die halbe Insel wieder auf den Beinen. Mitglieder von kleinen Hilfsorganisationen haben etwas zu Essen und zu Trinken gebracht. Es war perfekt organisiert, es gab kein Drunter und Drüber. Die haben ja jeden Tag damit zu tun. Dabei tragen die Einheimischen eine Doppelbelastung: Zum einen müssen sie den Flüchtlingen Unterschlupf und erste Hilfe bieten, zum anderen geht es ihnen wirtschaftlich immer schlechter, weil keine Touristen mehr kommen. Eigentlich leben sie vom Tourismus, doch kommt kaum noch jemand, weil natürlich jeder Europäer mit Lampedusa die Flüchtlingskatastrophe verbindet.

Aktuelle Stunde: Hattet Ihr auf Lampedusa Kontakt zu Flüchtlingen?

Middendorf: Wir konnten sehen, wie überladen mit Emotionen die Flüchtlinge waren, als sie von diesem Schiff stiegen - viele haben auch erst mal den Boden geküsst -, und sie sahen sehr, sehr mitgenommen aus. Ich hätte es falsch gefunden, mich auf sie zu stürzen und ihnen Fragen zu stellen. Deshalb haben wir uns sehr zurückgehalten und haben erst auf Sizilien mit Leuten gesprochen. Auf Lampedusa läuft alles sehr routiniert ab. Die Flüchtlinge werden mit Bus oder Krankenwagen in das Erstaufnahmezentrum gebracht, versorgt und neu eingekleidet, die haben ja nichts mehr. Und am nächsten oder übernächsten Tag werden sie weiter nach Sizilien gebracht, weil da die Möglichkeiten einfach besser sind.

Aktuelle Stunde: Und da hast Du mit Flüchtlingen sprechen können?

Middendorf: Einer, der vor anderthalb Jahren übers Meer geflohen ist, hat mir etwa erzählt, dass bei der Rettungsaktion, als die Küstenwache sie aufgelesen hat, zwei Menschen ertrunken sind. Sie waren ins Wasser gefallen, als Panik ausbrach. Alle wollen ja auf das Rettungsschiff, und viele Afrikaner können nicht schwimmen. Wenn dann einer ins Wasser fällt, ist das sein Tod. Ich habe ihn gefragt, ob sie nicht helfen konnten. Traurig hat er mich angeguckt und gesagt: "Weißt Du, jeder will zunächst sein eigenes Leben retten." Das muss sehr traumatisierend gewesen sein. Er hatte Tränen in den Augen, als er davon sprach.

Was die mitgemacht haben, wenn sie es nach Europa geschafft haben - das kann man sich einfach nicht vorstellen. Wenn sie etwa aus den Staaten südlich der Sahara fliehen, sind sie erst mal ein halbes Jahr unterwegs, bis sie die libysche Küste erreichen, um da einen Schlepper zu finden, der sie übers Meer bringt. Ich habe ihn gefragt, ob ihm das vorher klar gewesen sei. Er hat geantwortet: "Natürlich wissen wir das. Aber es ist eine Chance: Entweder Du wirst zu Hause im Bürgerkrieg auf der Straße erschossen oder Du kannst auch im Mittelmeer ertrinken. Ich habe mich für das Mittelmeer entschieden, weil wenn das gut geht, habe ich immerhin noch die Möglichkeit, ein besseres Leben zu führen."

Aktuelle Stunde: Hast Du Dir vorher Gedanken gemacht, ob oder wie nah Du das an Dich heranlässt, was Du siehst und erlebst?

Middendorf: Ich habe schon alles hören wollen. Welches Recht habe ich, mich in meiner kleinen, heilen Welt einzukapseln, wenn es Menschen gibt, die das wirklich erleben müssen. Dann finde ich, muss ich wenigsten ertragen, mir das anzuhören und anzugucken. Ich habe gar nicht versucht, mich zu schützen, sondern habe mich gefreut, wenn jemand mit mir reden wollte. Ich hatte auch das Gefühl, dass es ihnen gut tut, wenn jemand zuhört, und sie das Erlebte irgendwie los werden und darüber reden wollen. Das ist das Mindeste, das ich tun kann.

Aktuelle Stunde: Was hast Du gedacht, als Du wieder deutschen Boden unter den Füßen hattest, wie hat Dich die Reise beeinflusst?

Middendorf: Als ich zu Hause die Tür aufgeschlossen habe, zu meiner schönen 50 Quadratmeter-Wohnung in Köln, habe ich an die syrische Familie in Istanbul denken müssen, die mit 15 Personen in einer 20 Quadratmeter großen Wohnung ohne Fenster lebt. Die schlafen auf dem Boden. Als ich da stand, habe ich gedacht, was ich für ein Glück habe, dass ich in Deutschland leben kann, wir hier gerade keinen Krieg haben, es keine Unterdrückung gibt, ich meine Meinung sagen darf und für nichts verfolgt werde. Vielen syrischen Familien ging es auch mal richtig gut. Die haben schöne Häuser gehabt, mit Gärten, in denen ihre Kinder spielen konnten. Die mussten fliehen, weil durch den Bürgerkrieg die Gefahr viel zu groß geworden ist, dass ihren Kindern etwa angetan wird oder dass ausgerechnet auf ihr Haus eine Bombe fällt. Wer verspricht uns, dass das in Deutschland nicht auch noch mal passiert und wir alles stehen und liegen lassen müssen, um uns in Sicherheit zu bringen? Die kommen nicht, obwohl es ihnen zu Hause auch ganz gut ging und es hier vermeintlich schöner ist. Nein, die mussten weg. Die wollen ihre Heimat nicht verlassen, die müssen ihre Heimat verlassen. Da kommt einem Vieles belangloser vor, die Problemchen, die wir hier in Deutschland haben.

Das Gespräch führte Ulrike Wolff.

Stand: 12.05.2015, 12:18