Männer drängeln, Frauen auch: Werden wir immer aggressiver?

Männer drängeln, Frauen auch: Werden wir immer aggressiver?

Das Klima auf Deutschlands Straßen wird rauer, so das Ergebnis einer Studie zum Thema Aggressivität im Straßenverkehr. Und nicht nur Männer rasen und drängeln, Frauen auch. Aggressiv sind allerdings immer die anderen. Wie passt das alles zusammen?

Warum werden auch die Frauen im Straßenverkehr immer aggressiver?

Rund 44 Prozent der Männer und 39 Prozent der Frauen schätzen sich laut der Studie "Verkehrsklima in Deutschland 2016" der Unfallforschung der Versicherer (UDV) im Straßenverkehr als "mindestens manchmal aggressiv" ein. Typische Delikte sind Rasen und Drängeln, zu dichtes Auffahren und Einscheren, aber auch provokant langsames Fahren. Fast die Hälfte der befragten Pkw-Fahrer (47 Prozent) gab an, viel schneller zu fahren, wenn sie sich ärgern. 52 Prozent der Frauen und 42 Prozent der Männer berichten dieses Verhalten.

Dichter Verkehr auf einer mehrspurigen Straße

"Der Straßenverkehr ermöglicht es, Aggressionen weitestgehend anonym auszuleben ohne die Beteiligten in Zukunft wiederzusehen", heißt es in der UDV-Studie. Ute Hammer, Geschäftsführerin des Deutschen Verkehrssicherheitsrats, sieht auch die ständig wachsende Zahl der Verkehrsteilnehmer als einen Grund für das rauere Verkehrsklima. So ist es auf Deutschlands Straßen nicht nur gefühlt enger geworden. Im Januar 2016 waren in Deutschland 61,5 Millionen Kraftfahrzeuge zugelassen. Das sind 1,5 Millionen mehr als vor zehn Jahren.

Nach der Analyse der Unfallforscher sitzen Frauen auch selbstbewusster hinterm Steuer und lassen sich weniger bieten. "Drängelt mein Hintermann, trete ich kurz auf die Bremse, um ihn zu ärgern", sagt fast ein Drittel der Befragten. Allerdings verhalten Frauen sich aus anderen Gründen aggressiv als Männer, erklärt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung.

Warum sind die anderen immer die Schlimmen?

Die Studie liefert aber auch Ergebnisse, die so eigentlich nicht sein können. Das zeigt sich vor allem im Hinblick auf die Rücksicht auf schwächere Verkehrsteilnehmer: 93 Prozent der Studienteilnehmer sehen bei anderen, dass sie viel zu dicht an Fahrradfahrern vorbei fahren. 97 Prozent behaupten allerdings auch, dass sie selbst das nie machen würden. Wie das zusammen passt, erklärt Verkehrspsychologe Michael Haeser mit der für Menschen typischen Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung. Dabei werde die Selbstwahrnehmung geschönt, die Fremdwahrnehmung verschlechtert.

Wie kann man sich selber bremsen?

Einsicht ist der beste Weg zur Selbsterkenntnis, doch die scheint auf unseren Straßen ein schleichender Prozess zu sein. Verkehrspsychologe Haeser rät Autofahrern wie Autofahrerinnen, ruhig, gelassen und souverän zu bleiben und vorschriftsmäßig zu fahren. "Aggressives Verhalten sollte man keinesfalls mit reaggressivem Verhalten kontern. Am Verhalten der anderen kann man eh nichts ändern." Besser sei es, mit gutem Beispiel voran zu fahren und darauf zu setzen, dass auch der andere sich wieder abregt.

In nicht mehr allzu ferner Zukunft sollte das Problem sich von alleine gelöst haben, spekuliert der Verkehrspsychologe. Einerseits neige die Jugend nicht mehr zum eigenen Auto, sondern nutze andere Verkehrsmittel. Andererseits gehöre selbstfahrenden Autos die Zukunft. "Wir werden in absehbarer Zeit gar nicht mehr selber hinter dem Steuer Sitzen, sondern uns durch die Technik fahren lassen." Bis dahin sollte die Devise lauten: Cool bleiben.

Studie "Verkehrsklima in Deutschland 2016"

Die am Mittwoch (10.08.2016) veröffentlichte Studie der Unfallforschung der Versicherer (UDV) stützt sich auf eine repräsentative Befragung von 2.061 Verkehrsteilnehmern von Anfang 2016. Befragt wurden unter anderem Nutzer des öffentllichen Nahverkehrs, Fußgänger, Fahrradfahrer und Pedelecfahrer.

Stand: 10.08.2016, 18:17