Bilanzakrobatik rettet WestLB

Alexander Stuhlmann

1.300 bis 1.500 Stellen werden abgebaut

Bilanzakrobatik rettet WestLB

Von Christoph Stehr

Der Vorstandsvorsitzende der WestLB, Alexander Stuhlmann, hat am Freitag (08.02.2008) den Rettungsplan für sein schwer angeschlagenes Haus vorgestellt. Kernpunkt ist die Auslagerung zweifelhafter Kredite. Hinzu kommen Personalabbau und Einschnitte im Investmentbanking.

Die schwer angeschlagene WestLB hat sich freigeschwommen, zumindest auf dem Papier. Sie überträgt risikobehaftete Wertpapiere im Nennwert von rund 23 Milliarden Euro an eine so genannte Zweckgesellschaft, die in den kommenden Wochen gegründet wird. Die Eigentümer der WestLB - das Land NRW hält direkt und indirekt 38 Prozent der Anteile, die Sparkassenverbände Rheinland und Westfalen-Lippe zusammen etwa 50 Prozent - haften mit bis zu fünf Milliarden Euro für diese Papiere, in denen vor allem Kreditforderungen gebündelt sind.

Mehr Anteile, mehr Einfluss, mehr Dividende

Logo auf Wand des WestLB-Gebäudes in Düsseldorf

Rettung in Sicht

Zwei Milliarden Euro hatten die Eigentümer bereits in einer Erklärung vom 20. Januar diesen Jahres zugesagt. Für die restlichen drei Milliarden steht allein NRW gerade, wobei diese Garantie nicht ganz selbstlos eingeräumt wird: Muss das Land tatsächlich zahlen, darf es sich im Gegenzug an den WestLB-Anteilen der Sparkassen bedienen. Mit anderen Worten: Die Besitzverhältnisse an der WestLB würden sich zugunsten von NRW verschieben. Mehr Anteile, mehr Einfluss, mehr Dividende - diese Rechnung geht natürlich nur auf, wenn die Bank wieder auf die Beine kommt.

Aus den Büchern, aus dem Sinn

Auf den ersten Blick ist die Gründung einer Zweckgesellschaft so etwas wie Bilanzakrobatik - schließlich verschwinden die Kreditrisiken nicht aus der Welt. Wohl aber verschwinden sie aus den Büchern der WestLB, da die Zweckgesellschaft juristisch selbstständig ist. Wie der Name sagt, hat die neue Gesellschaft allein den Zweck, faule Risiken zu bündeln. Einen eigenen Geschäftsbetrieb als Bank kann sie nicht führen. Theoretisch besteht die Möglichkeit, die von der WestLB übertragenen Wertpapiere neu zu verbriefen, das heißt, sie an Dritte weiter zu verkaufen, wofür es nach einem kräftigen Preisabschlag durchaus einen Markt gäbe. Welchen Handlungsspielraum die Zweckgesellschaft letztlich haben wird, zeigt sich aber erst in einigen Wochen.

Es tickt eine Zeitbombe weniger

Die Vorteile für die WestLB liegen auf der Hand: Eine Zeitbombe weniger tickt in ihrer Bilanz. Sie ist davor geschützt, dass jederzeit mögliche Wertberichtigungen bei den ausgelagerten Papieren ihr Ergebnis verhageln. Das wiederum stärkt ihre Position an den internationalen Kapitalmärkten: Muss sie selbst Geld leihen, zahlt sie weniger Zinsen als wenn ihre Kreditwürdigkeit infrage gestellt wäre. In den zurückliegenden Monaten hatten mehrere Rating-Agenturen vor einer Abwertung der WestLB gewarnt.

Helaba ante portas

Miachel Breuer

Aufsichtsratschef Michael Breuer

"Jetzt kann sich die WestLB voll und ganz auf die zukünftige Neuausrichtung konzentrieren", sagt Aufsichtsratschef Michael Breuer, der als rheinischer Verbandspräsident die Interessen der Sparkassen vertritt. Die schon länger geplante Fusion mit der Hessischen Landesbank Helaba gehöre ausdrücklich zu den Projekten, die nun weiterverfolgt würden. "Eine Konsolidierung unter den Landesbanken in Deutschland kommt ohnehin", sagt Wirtschaftsprofessor Andreas Pfingsten von der Universität Münster. "Damit hat die Einigung über die Zukunft der WestLB erst mal nichts zu tun."

Bis zu 1.500 Arbeitsplätze sollen gestrichen werden

Für Sparkassenfunktionär Breuer ist wichtig, dass ein Lösungsvorschlag, der bis zum Donnerstagabend für böses Blut in der Eigentümerversammlung gesorgt hatte, vom Tisch ist: Die Landesregierung wollte die so genannte Vertikalisierung durchsetzen, das heißt, die WestLB sollte das Recht erhalten, sich in einzelne Sparkassen einzukaufen. Ziel dieses Vorstoßes war, das Geschäftsmodell der Landesbank zu erweitern. Als Mitinhaber von Sparkassen hätte sie Anschluss an das lukrative Privatkundengeschäft gefunden, das die Sparkassen wie ihren Augapfel hüten. Doch Bilanzakrobatik allein rettet noch keine Bank. Der Restruktierungsplan sieht Kosteneinsparungen von 300 Millionen Euro bis zum Jahr 2010 vor, im gleichen Zeitraum werden 1.300 bis 1.500 der knapp 6.000 Arbeitsplätze gestrichen. "Hierzu gibt es keine Alternative", betont Vorstandschef Stuhlmann.

Möglicherweise weniger Kündigungen

Noch gibt es keine näheren Informationen darüber, in welchen Bereichen der WestLB die Stellen gestrichen werden. Diese Entscheidung soll erst in den kommenden Wochen fallen. "Möglicherweise wird die Zahl der betroffenen Mitarbeiter deutlich geringer ausfallen", sagt Annette Lipphaus, Aufsichtsratmitglied und Verdi-Funktionärin. "Durch interne Umstrukturierungen können wir viele Kündigungen vermeiden."

Zum Beispiel seien etliche Stellen innerhalb der WestLB derzeit unbesetzt und könnten dies auch bleiben. Auch Dienstleistungen, mit denen zurzeit Fremdfirmen beauftragt sind, könnten künftig wieder intern erledigt werden. "Die Zahl 1.500 hört sich natürlich gewaltig an", sagte Lipphaus. "Aber wir blicken trotzdem optimistisch in die Zukunft."

Das Geld fehlt letztendlich auch den öffentlichen Haushalten

Nicht allein die Beschäftigten löffeln die Suppe aus, die die Düsseldorfer mit riskanten Unternehmensfinanzierungen und Börsengeschäften eingebrockt haben. Letztlich zahlt der Steuerzahler, denn das Geld, das Land und Sparkassen zur Rettung der WestLB aufbringen, fehlt in den öffentlichen Haushalten. Ein Beispiel: Die Sparkasse Hilden-Ratingen-Velbert überweist in diesem Jahr deutlich weniger Geld aus ihren Gewinnen an die Kommunen. Bei der Stadt Hilden gehen dadurch 400.000 Euro weniger als geplant auf dem Konto ein. Deshalb, wenn auch nicht allein deshalb, ist nun Sparen angesagt - die Sanierung einer Sporthalle, die knapp zwei Millionen Euro kostet, sowie Kanalarbeiten für 1,2 Millionen Euro werden verschoben.

Einfluss durch die Hintertür

Derweil bläst die WestLB zu einer "Sparkassen- und Mittelstandsoffensive", die 100 Millionen Euro zusätzliche Erträge bringen soll. Dieser Punkt des Rettungsplans dürfte den Sparkassen einiges Unbehagen bereiten, weil sie befürchten müssen, dass WestLB nun auch ohne Vertikalisierung verstärkt in ihrem Geschäft wildern wird. Außerdem soll das Immobiliengeschäft vorangetrieben werden. Im Investmentbanking, dem Bereich, der der WestLB einen Großteil ihrer Verluste beschert hat, steht eine "Fokussierung" bevor. Im Klartext bedeutet das, dass sich die Bank aus Teilen dieses Geschäfts zurückzuziehen gedenkt. Folglich dürfte hier der Stellenabbau besonders kräftig ausfallen.

Stand: 08.02.2008, 19:11