"Schlag ins Gesicht der Pendler"

Anzeigetafeln im Hauptbahnhof Köln

Kritik an Zugausfällen

"Schlag ins Gesicht der Pendler"

Von Maike von Galen

  • Pro Bahn kritisiert: Stopp des Nahverkehrs in NRW war übertrieben
  • Bahn verteidigt "Vorsichtsmaßnahme"
  • Zugverkehr inzwischen wieder fast im Takt

Gegen elf Uhr am Dienstagvormittag (31.03.2015) hieß es auf fast allen Bahnsteigen in NRW: Nichts geht mehr. Die Deutsche Bahn kapitulierte vor Sturm "Niklas" und stellte den Nahverkehr im gesamten Land ein. Eine drastische Maßnahme - zumal der Fern- und Güterverkehr weiter auf die Schiene geschickt wurde. Auch einige private Bahnen trotzten dem Sturm. Einen Tag nach dem Unwetter ging es um die Frage: War der komplette Stopp auch wirklich nötig?

Nein, glaubt Lothar Ebbers, Sprecher des Fahrgastverbands "Pro Bahn" in NRW. Er selbst war zwischen Oberhausen und Düsseldorf mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs und erlebte neben viel Wind vor allem eins: "Ein komplettes Kommunikationschaos der Bahn." Viel zu früh habe die Bahn pauschal gesagt: Es fährt nichts mehr im Nahverkehr, glaubt Ebbers. "Tatsächlich sind zu diesem Zeitpunkt noch einzelne Züge gefahren. Es war offensichtlich umständlicher genau aufzuführen, welche Linie mit welcher Verspätung eintrifft, als pauschal herauszugeben: Nichts geht mehr im Nahverkehr."

Deutsche Bahn: "Wir mussten die Reißleine ziehen"

Die Bahn weist diesen Vorwurf zurück: Es könne zwar sein, dass noch vereinzelte Regionalzüge auch nach elf Uhr unterwegs waren, so ein Sprecher auf Anfrage, "das waren dann aber solche, die an ihren Zielbahnhof zurückgeführt werden mussten." Tatsächlich sei der Regionalverkehr danach aber komplett zum Erliegen gekommen. "Um zu gewährleisten, dass Mitarbeiter und Züge am Ende des Tages an ihrem vorgesehenen Ziel sind, mussten wir am späten Vormittag die Reißleine ziehen", so der Sprecher.

Eine Reißleine für den Nahverkehr, nicht aber für Fern- und Güterzüge. Zwar kamen auch die häufig nur mit großer Verspätung an ihr Ziel - einen kompletten Stopp sprach die Bahn hier aber nicht aus. "Dass die Bahn dem Fernverkehr auf Kosten des Nahverkehrs den Vorrang gibt, ist ein Schlag ins Gesicht für alle Pendler in NRW", beklagt Lothar Ebbers von Pro Bahn. "Die Züge der privaten Anbieter sind fast alle gefahren - das zeigt doch, dass auch für die Deutsche Bahn hier noch Spielraum gewesen wäre."

Hohe Taktung, enges Netz

Das sieht der Bahn-Sprecher anders: "Die Entscheidung, den Fernverkehr weiterhin so gut es ging zu bedienen, war auch darin begründet, dass Fernzüge leichter an problematischen Stellen umgeleitet werden konnten, einfach, weil weniger Bahnhöfe angefahren werden müssen. Das ist im Nahverkehr so nicht ohne weiteres möglich." Die Bahn unterhalte in NRW ein sehr komplexes und großes Netz, in dem Regionalzüge mit einer hohen Taktung unterwegs seien - "das konnten wir bei den zahlreichen Sturmschäden unmöglich aufrecht erhalten. Vor allem angesichts der unklaren Lage wollten wir vermeiden, dass Pendler in Zügen auf offener Strecke festsitzen, in den Bahnhöfen konnten wir sie sehr viel besser betreuen", so der Sprecher. 3.700 Regionalzüge fahren pro Tag durch NRW - wie viele davon ausgefallen sind, kann die Bahn derzeit noch nicht beziffern.

Im nordrhein-westfälischen Verkehrsministerium will man sich zu dem Komplettausfall der Bahn nicht äußern. Dass sei allein Sache der Verkehrsbetriebe, so ein Sprecher auf Anfrage. Kritik kommt dagegen von Seiten der Politik: "Die Pendler haben mit Recht die Erwartung an die Deutsche Bahn, dass wenigstens die Kernachsen zeitnah freigegeben werden", so Christoph Rasche, verkehrspolitischer Sprecher der FDP. Die Bahn müsse ihr Krisenmanagement noch einmal gründlich prüfen und analysieren, ob sie ausreichend auf Unwettersituationen vorbereitet sei, "damit der Pendlerverkehr in NRW nicht lahmgelegt wird."

Zugverkehr rollt wieder

Auch der verkehrspolitische Sprecher der Grünen Rolf Beu kritisierte die Entscheidung der Bahn als zu drastisch: "Auch wenn Sicherheitsbedenken grundsätzlich an erster Stelle stehen, so muss sich die DB doch die Frage gefallen lassen, ob dieser Schritt verhältnismäßig war – zumal die privaten Anbieter weiter ihre Routen bedienen." Eine räumlich begrenzte Streckensperrung auf die von Niklas besonders betroffenen Regionen hätte verhindern können, dass Tausende Pendler an den Bahnhöfen strandeten.

Einen Vorteil hatte die Kapitulation für Pendler am Mittwoch: Der Bahnverkehr sei gut angelaufen und schnell wieder im Takt gewesen, so der Bahnsprecher. Auch für den am Donnerstag (02.04.2015) erwarteten Oster-Verkehr sieht sich die Bahn gut gerüstet.

Stand: 01.04.2015, 20:00