Nachruf auf Johannes Rau

Foto von Johannes Rau mit Trauerflor neben Kerze

"Versöhnen statt spalten"

Nachruf auf Johannes Rau

Von Cornelius Bormann

Mit Johannes Rau ist ein Mensch gestorben für den es nicht um Machtspiele ging, sondern um Glaubwürdigkeit. So würdigt Cornelius Bormann, ehemaliger Chefredakteur der WDR Landesprogramme den früheren Landesvater.

Wenige Menschen sind sich ihr gesamtes Leben hindurch so treu geblieben wie Johannes Rau. Das, was den Menschen Johannes Rau in den letzten Wochen vor seinem Tode bewegte, den 75-Jährigen in Berlin, das bewegte auch schon den 12-Jährigen, der in Wuppertal, genau: in Barmen Gemarke, an einem Schüler-Bibelkreis teilnahm.

Ich nenne vier Punkte:

1. Die Verpflichtung gegenüber dem Elternhaus, besonders dem Vater, der als Prediger tätig war. Als dieser Vater 1953 bei einem Straßenbahn-Unglück ums Leben kam, fragte sich der Sohn: Warum soll ich eigentlich weiter leben?

Cornelius Bormann

Cornelius Bormann

2. Der Kampf gegen den totalen Staat. Johannes Rau nahm als Junge an den Auseinandersetzungen der Bekennenden Kirche mit dem Hitlerstaat teil. Später zog er eine Konsequenz und machte Politik, um die staatliche Macht zu begrenzen.

3. Immer blieb er seinem Wuppertal treu, der Stadt mit den vielen Hügeln. Ein wenig eigensinnig, nie auf den großen Straßen zuhause, auch in der Politik ging er seine eigenen Wege und war nie typischer Durchschnitt - weder in Nordrhein-Westfalen noch in der SPD.

4. Dort in Wuppertal erlebte er im Mai 1943 eine schlimme Bombennacht. Solche Ereignisse galt es für ihn zu verhindern. "Versöhnen statt spalten" wurde deshalb das Motto seines Lebens. Der Krieg nämlich - so Johannes Rau - beginnt im Kleinen, in den Köpfen.

Damals, 1943 im Schüler-Bibelkreis in Wuppertal, begann, was 1999 im Amt des Bundespräsidenten endete. "Hier geblieben!", hatte ein Freund einmal gerufen. Hier geblieben bei diesen vier Lebenspunkten. Auch in den Ämtern dazwischen, während der 40 Jahre als Abgeordneter des nordrhein-westfälischen Landtages: als Fraktionsvorsitzender, als Wissenschaftsminister, als Ministerpräsident.

Hier geblieben bei den alten Werten seines Glaubens.

Hier geblieben bei den alten Freunden, mit denen er über Jahrzehnte Kontakt hielt.

Hier geblieben bei der Sprache, die er pflegte.

Hier geblieben bei dem mühsamen Versuch, die Versöhnung mit den Juden und den Menschen Osteuropas zu schaffen.

Hier geblieben bei der harten Arbeit, das Land neu zu bauen.

Mit Johannes Rau ist ein Mensch gestorben, dem es vergönnt war, Großes aus seinem Leben zu machen, für den es - trotz aller Erfolge - letztlich nicht um ränkevolle Politikerspiele um Macht und Posten ging, sondern um Glaubwürdigkeit.

(Der Autor Cornelius Bormann war Bonner Korrespondent, Auslandskorrespondent und Chefredakteur für die WDR Landesprogramme.)

Stand: 27.01.2006, 16:15