PCB-Skandal: Hilfe für Opfer läuft an

Einer Person wird Blut abgenommen

Experten kommen in Dortmunder Krankenhaus

PCB-Skandal: Hilfe für Opfer läuft an

Ärzte der Uniklinik Aachen haben am Mittwoch (01.09.2010) Räume in einem Dortmunder Krankenhaus bezogen. Sie wollen 200 Menschen aus dem Envio-Umfeld auf Schädigungen durch PCB untersuchen. WDR.de sprach mit dem Leiter des medizinischen Betreuungsprogramms.

Die Hotelzimmer sind schon gebucht - die Ärzte aus Aachen richten sich auf einen längeren Aufenthalt im Dortmunder Knappschaftskrankenhaus in Brackel ein. Im September wollen sie täglich die Menschen untersuchen, die durch den PCB-Skandal um den Umweltentsorger Envio besonders betroffen sind: Mitarbeiter, Leiharbeiter, Mitarbeiter von Nachbarfirmen, Angehörige, Kleingärtner und Anwohner. Bei 200 Menschen wurden bislang überhöhte PCB-Werte im Blut festgestellt - in einem Fall liegt der Wert sogar 25.000-fach über der Nachweisgrenze. Professor Thomas Kraus, Facharzt für Arbeitsmedizin an der Uniklinik Aachen ist Leiter des medizinischen Betreuungsprogramms.

WDR.de: Herr Professor Kraus, Mitarbeiter Ihrer Abteilung beziehen am Mittwoch Räume im Krankenhaus Dortmund-Brackel. Dort wollen Sie 200 Menschen untersuchen, die zum Teil sehr stark mit PCB belastet sind. Haben Sie in Ihrem Berufsleben so einen Skandal schon mal erlebt?

Thomas Kraus: Wir machen sehr häufig Projekte bei beruflich belasteten Personengruppen, wo wir dann auch vor Ort bei den Firmen Untersuchungen anbieten. Zweifelsohne ist es aber so, dass diese Personengruppen in Dortmund zum Teil sehr hohe Belastungen aufweisen, und so hohe Belastungen mit PCB habe ich bisher nicht gesehen in Deutschland.

WDR.de: Für Menschen, die mit PCB belastet wurden, gibt es bislang kein Heilverfahren. Das PCB bleibt im Körper und löst unter Umständen Krankheiten aus. Welche treten besonders häufig auf?

Prof. Dr. Thomas Kraus

Arbeitsmediziner Thomas Kraus

Kraus: Man weiß, dass hohe Belastungen mit PCB zum Beispiel Veränderungen an der Haut verursachen können. Das sind dann Veränderungen, die ähnlich aussehen wie eine Akne-Erkrankung. Der Hautarzt aus unserem Team wird das in Dortmund systematisch untersuchen. Es kann sein, dass durch die PCB die Immunabwehr geschwächt ist oder geändert wird, genau so wie die Schilddrüsenfunktion. Es gibt Hinweise, dass die Leberfunktion gegebenenfalls gestört ist. Es kann auch sein, dass das Hormonsystem des Körpers beeinträchtigt ist. Dann weiß man, dass das Nervensystem beeinträchtigt werden kann, und zwar sowohl das zentrale Nervensystem, das Gehirn, als auch das periphere Nervensystem, zum Beispiel in den Beinen. PCB stehen auch im Verdacht, Krebserkrankungen zu begünstigen. All diese möglichen Veränderungen werden wir untersuchen.

WDR.de: Die Betroffenen müssen jetzt mit der Ungewissheit leben, vielleicht eines Tages krank zu werden ...

Kraus: Die Betroffenen haben Angst. Die psychologischen Faktoren sind nicht zu unterschätzen, und die Verarbeitung dieser Tatsache, dass man ein Gift in den Körper aufnimmt und es nicht durch eine Therapie entfernen kann: Das ist eine enorme psychische Belastung für die Menschen. Und damit muss man auch zurechtkommen. Man muss die Ängste ernst nehmen und auch Behandlungstrategien entwickeln, und auch das tun wir.

WDR.de: Wie werden die Untersuchungen in Dortmund ablaufen?

Kraus: Die Untersuchungen in Dortmund sind in zwei Phasen aufgeteilt. Zunächst informieren wir die Betroffenen darüber, was wir machen wollen, und holen eine Einverständniserklärung ein. Dann werden wir alle Personen umfangreich befragen und dann eine körperliche Untersuchung bei allen machen mit einem genauen Hautbefund. Und wir werden in der ersten Phase eine umfangreiche Blutentnahme machen. Da werden ganz viele Parameter im Blut gemessen für die Organsysteme, die ich vorhin schon genannt habe. Zusätzlich werden wir auch Dioxine und Furane messen. Ab dem 20.9. bekommen die Teilnehmer der Untersuchung dann einen zweiten Termin für zeitlich intensivere Untersuchungen. Da geht es dann um eine mögliche Beeinträchtigung des Nervensystems. Diese Untersuchungen sind zeitlich sehr aufwendig und dauern ungefähr 90 Minuten pro Person. In der zweiten Phase werden wir auch die Leber, die Bauchspeicheldrüse und die Schilddrüse per Ultraschall untersuchen. Die Untersuchungen werden sich über viele Wochen hinziehen.

WDR.de: Auch Kinder wurden mit dem Giftstoff belastet. Ist PCB für Kinder besonders gefährlich?

Kraus: Man weiß, dass Kinder besonders empfindlich sind im Hinblick auf das Nervensystem. Das entwickelt sich bei Kindern ja noch. Wenn zum Beispiel eine Mutter während der Schwangerschaft vermehrt mit PCB in Kontakt kommt und dann auch über das Stillen PCB an das Kind weitergibt, kann das besonders problematisch für die Entwicklung des Gehirns sein. Auch die Entwicklung des Immun- und des Hormonsystems kann beeinträchtigt werden. Wir werden jetzt in Dortmund keine Kinder untersuchen, die werden separat betreut. Wir haben eine Kinderklinik und Kinderpsychologen mit eingebunden. Eine Familie hatten wir schon in Aachen und haben sie dort umfassend untersucht.

WDR.de: Wer finanziert die Untersuchungen in Dortmund?

Kraus: Darüber wird im Moment noch verhandelt. Es wird so sein, dass wahrscheinlich für die Personengruppen, die durch ihre berufliche Tätigkeit versichert sind, die Berufsgenossenschaft zuständig ist. Bei den Anwohnern, Angehörigen, Kindern und Kleingärtnern ist das Umweltministerium zuständig. Diese Kosten wird das Land Nordrhein-Westfalen übernehmen. Da gibt es aber noch keine festen Verträge.

WDR.de: Können auch noch andere Personen an Ihrer Untersuchung teilnehmen?

Kraus: Wir möchten alle ehemaligen Mitarbeiter von Envio, der Vorgängerfirma ABB und den Nachbarfirmen bitten, sich auch zu melden. Alle, die Umgang mit PCB hatten. Wir wollen herausfinden: Was war denn in den letzten 20 Jahren? Wir wissen, dass es etwa 1992 losging mit der Entsorgung von PCB-verseuchten Trafos. Die früheren Mitarbeiter können sich bei uns oder bei der Berufsgenossenschaft melden.

WDR.de: Wie wird Ihr erster Tag in Dortmund ablaufen?

Kraus: Wir wollen am Vorabend alles vorbereiten und wollen am Vormittag erst einmal nicht so viele Personen untersuchen, damit sich die Abläufe einspielen können. Wir planen, pro Tag etwa 20 Personen zu untersuchen.

Das Interview führte Katrin Schlusen.

Stand: 01.09.2010, 00:01