Fritz Eckenga

Interview mit dem Kabarettisten Fritz Eckenga

"Statt Autos konnte man Flugzeuge hören"

Stand: 19.07.2010, 15:43 Uhr

Was treibt drei Millionen Menschen auf eine Straße, die sie aus stundenlangen Staus in- und auswendig kennen? Und taugt die A40 als verbindendes Symbol für das Ruhrgebiet? Fragen an den Dortmunder Kabarettisten Fritz Eckenga, der gestern auch auf dem Ruhrschnellweg unterwegs war - trotz anfänglicher Skepsis.

In Bochum geboren, in Dortmund zu Hause: Der Kabarettist Fritz Eckenga kennt das Ruhrgebiet so gut wie den Liebstöckelbusch vor seiner Haustür. Eckenga wurde Mitte der 1980er Jahre mit dem Musiktheater N8chtschicht bekannt, heute schreibt er für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, darunter die taz und die "kulinarische Kampfschrift" "Häuptling eigener Herd". Außerdem ist er regelmäßig im WDR und SWR zu hören. Im Herbst geht Eckenga mit seinem Programm "Fremdenverkehr mit Einheimischen" auf Tournee.

WDR.de: Der Ruhrgebietsmensch ist die ganze Woche im Stau auf der A40. Nun steht er auch noch freiwillig am Sonntag dort. Warum?

Fritz Eckenga: Weil er dieses einmalige Gefühl dann außerhalb geschlossener Blechkabinen genießen kann.

WDR.de: Die A40 ist laut, dreckig, Nerven raubend: Warum identifizieren sich dennoch so viele Menschen mit dieser Straße?

Eckenga: So hoch würde ich das nicht hängen. Natürlich leben die Menschen im Ruhrgebiet auf, mit und von dieser Straße, auf der sie gezwungenermaßen einen Teil ihres Lebens verbringen. Aber ich glaube nicht, dass sich jemand mit dieser Straße identifiziert. Man kann das Ruhrgebiet gut finden, ich mache das ja auch. Aber das liegt nicht an einer Straße, sondern an den Menschen und an der Vielfalt der Möglichkeiten, die man hier hat. Die A40 als "Band, das das Ruhrgebiet zusammenhält" - das ist feuilletonistisches Geplapper von Journalisten und Werbeleuten. Das gestern war eine schöne, teilweise absurde Aktion, aber zu viel würde ich da nicht hineindichten. Denn man muss ja auch mal sehen: Autobahnen und große Straßen gibt es überall. Viele von ihnen führen durch schöne Gegenden. Und meistens ist das, was direkt an einer großen Straße passiert, nicht schön. Von daher ist die B1 beziehungsweise A40 auch nichts Besonderes.

WDR.de: Vorher wurde mit einer Million Besucher gerechnet, letztendlich waren drei Millionen da. Alle waren vom großen Zuspruch überrascht. Sie auch?

Eckenga: Nicht unbedingt. Die meisten hatten wohl die Einstellung: "Gehen wir mal kucken, ist mal was anderes." Und das tolle Wetter hat sicher auch dazu beigetragen, dass so viele gekommen sind.

WDR.de: Das Rheinland hat den Karneval, um sich selbst zu feiern. Hat das Ruhrgebiet jetzt die A40?

Eckenga: Das hatte nichts von Karneval, das war keine zwangslustige Veranstaltung. Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass die Leute sich selbst oder ihre "Region" feiern. Die sind einfach rausgegangen und haben mal gekuckt, was so los ist.

WDR.de: Waren Sie gestern auch unterwegs?

Eckenga: Ja. Ich hatte mir eigentlich fest vorgenommen, diese Massenveranstaltung doof zu finden. Aber ich wohne in direkter Nähe zur B1 in Dortmund, und dann bin ich mit Bekannten eben auch dorthin. Und im Gegensatz zur Loveparade vor zwei Jahren bin ich auch länger als eine Viertelstunde geblieben. Das hatte unter anderem den Grund, dass es diesmal sehr viel besser roch. Tatsächlich bekam ich gestern das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht raus. Denn was ich gesehen habe, fand ich sehr schön. Das Wetter war prima, die Menschen waren gut gelaunt, alles hat gepasst. Und ohne den sonst üblichen Verkehr hat man auf einmal ganz andere Dinge wahrgenommen und gehört: Flugzeuge zum Beispiel.

WDR.de: Waren Sie lange auf der Straße?

Eckenga: Nein. Ein, zwei Stunden. Wir sind ein Stück Richtung Westen flaniert, und an der Stadtgrenze stockte es dann auf einmal. Nicht nur wir fanden das sehr lustig, auch viele andere Leute standen dort auf der Straße und lachten: Stau auf der B1 - das kennt man ja sonst gar nicht. Beeindruckt hat mich dort eine Gruppe, die zur Soundso-Gesellschaft für angewandten Buddhismus gehörte. Die saßen gut gelaunt in ihren Mönchskutten da und machten für sich Werbung. Das fand ich sehr passend. Schließlich ist die B1 eine Dauereinrichtung für Übungen in angewandtem Buddhismus. Anders kommt man da ja gar nicht durch.

Das Interview führte Ingo Neumayer.