Momentaufnahme eines Monsterprojekts

Blick nach oben

Christos "Big Air Package" in Oberhausen

Momentaufnahme eines Monsterprojekts

Von Marion Kretz-Mangold

Ein Monsterprojekt, in jeder Hinsicht: Christos "Big Air Package" im Gasometer Oberhausen, das am Freitag (15.03.2013) vorgestellt wird, ist das größte Denkmal der Welt - und eine Herausforderung für das Team, das seine Vision verwirklichen sollte. WDR.de war einen Tag lang beim Aufbau dabei.

Es ist ein kalter Oberhausener Morgen: Der Wind jagt Wolken über den grauen Himmel, kein Sonnenstrahl, der dem Gasometer an diesem Januarmorgen in ein etwas freundlicheres Licht getaucht hätte. Schade, dass Christo den Turm nur innen auskleidet, denkt man unwillkürlich - eine Verpackung in leuchtendem Orange oder sanftem Blau hätte dem rostigen Koloss nicht geschadet. Da fliegt die Tür auf: Robert Meyknecht stürmt heraus, auf dem Gesicht ein breites Lachen. "Er hat über Nacht Luft gezogen!", begeistert er sich. "Er hat sich schon fast selbst aufgeblasen!" Und schon ist er wieder im Inneren des Gasometers verschwunden.

Die Hülle hat sich selbst zum Leben erweckt

Robert Meyknecht

Freudige Überraschung für Robert Meyknecht

"Er", das ist der monströse Ballon, den der Lübecker Luftfahrttechniker und sein Team ertüftelt, aus 20.000 Quadratmetern zusammengenäht und mit dicken, 4.500 Meter langen Seilen umschlungen haben. 90 Meter hoch, 50 Meter im Durchschnitt, eine gigantische Leinwand für das Spiel mit Licht und Luft vor rotbraunem Metall, das der Besucher betreten oder auch umschreiten kann - so hat es Christo geplant. An diesem Morgen hängt der Ballon allerdings noch ziemlich schlaff in den Seilen, mit denen er oben am Dach befestigt ist. Auch wenn er sich sozusagen selbst zum Leben erweckt hat, weil Luft ungeplant und ohne jede technische Hilfe eingeströmt ist: Ohne die 180.000 Kubikmeter Luft, die ihn zum Stehen bringen sollen, hat er etwas von einem nassen Handtuch. "Heute Nachmittag werfen wir die Gebläse an", versucht Bauleiter Meyknecht die Skepsis zu zerstreuen, "dann sieht das ganz anders aus."

Ein Risiko bleibt immer

Luft in die Hülle pumpen, ganz vorsichtig, damit sie nicht aufplatzt oder irgendwo am Metall aufreißt: Das ist die letzte Herausforderung dieses Monsterprojekts. Vorangegangen waren drei Jahre penibler Planung: Christo hatte 2010, kurz nach dem Tod seiner Frau Jeanne-Claude, mit den ersten Zeichnungen begonnen. Mitte Januar wurden die Stoffbahnen in riesigen Bahnen durch Schnee und Kälte von Lübeck nach Oberhausen geschafft, zusammengenäht und aufgehängt. "Eine Mischung aus Physik, Mathematik, Erfahrung und viel Mut", nannte das Meyknecht, und das klang durchaus respektvoll. Denn auch wenn Christo klare Vorgaben gemacht hat und viele im Team sich kennen, weil sie schon den Reichstag oder die Bäume in der Schweiz für ihn verpackt haben: Ein Risiko bleibt. "Es kann immer etwas passieren", sagt Wolfgang Volz, Christos Leibfotograf, Ausstellungsmacher und Projektleiter in einer Person: "Wir haben ja kein Handbuch 'So baue ich ein Big Air Package', in dem wir nachschlagen können."

Der Künstler schaut aus der Ferne zu

Wolfgang Volz

Nennt sich "Mädchen für alles": Wolfgang Volz

Deswegen ist Volz auch heute dauernd mit Walky-Talky und Handy im Gasometer unterwegs, dirigiert die Elektriker hoch oben auf dem Beleuchtungssteg, die die großen Lampen aufhängen müssen, schaut ganz unten, ob der Stoff schon richtig befestigt ist. Fragen beantwortet er zwischendurch bei einer Tasse Kaffee. Nein, Probleme gab es bisher nicht, die Stoffballen sind pünktlich gekommen, trotz Eis und Kälte, und das Nähen hat auch geklappt. "Wir mussten mal zwei Zentimeter auftrennen und wieder zusammennähen. Aber bei 20.0000 Quadratmeter bewegt sich das ja im Promillebereich." Und nein, Nachtschichten müssten sie wohl nicht einlegen. "Wir liegen fantastisch in der Zeit." Und wann kommt Christo persönlich? Da will sich Volz nicht festlegen. "Er wird wohl demnächst mal vorbeischauen, auf dem Weg nach Dubai." Denn der Gasometer ist nur eines von vielen Projekten, an denen Christo gerade arbeitet. Eine riesige Ölfässer-Wand in der Wüste, ein Fluss aus silbernem Stoff in Arkansas - ähnlich beeindruckend wie das "Big Air Package", aber viel schwieriger zu verwirklichen. Da bleibt ihm nur, immer wieder von New York nach Oberhausen zu skypen - Telefon mag er nicht.

Wie eine gigantische Baisertorte

Die Hülle hängt in den Seilen

Einer von vielen Spitznamen: "Oberhausener Alpen"

Volz trinkt aus, kämpft sich gegen den Wind zurück in den Gasometer und verschwindet im Inneren des Ballons. "Da dürfen Sie nicht rein", wehrt er ab, "zu gefährlich." Also rein in den Aufzug, den schlaffen Ballon mit den Seilen immer vor Augen. Es geht aufwärts, vorbei an dem Umlauf, auf dem die Besucher den Ballon umkreisen sollen, hinauf bis zur Ebene zehn mit einer kleinen Plattform. Blick nach oben: Tageslicht, das durch die Dachfenster fällt. Blick steil nach unten: ein winzig kleiner Wolfgang Volz, der die Treppen hinunter hastet. Dann der Blick schräg nach vorn: Da hängt die Hülle, von 24 starken Seilen in der Schwebe gehalten. Sie wirkt wie ein Schneegebirge oder eine Baisertorte - genauso schön anzusehen und genauso vergänglich. Kaum ist das Foto gemacht, glätten sich die Gipfel: Die Industriekletterer, die die Hülle vor ein paar Tagen hochgezogen haben, sind auf dem Beleuchtungssteg knapp unter dem Dach unterwegs und ruckeln die tonnenschweren Stoffbahnen zentimeterweise nach oben, erst rechts, dann links. Ganz allmählich rundet sich die Hülle. Sobald sie aufgeblasen ist, wird sie aussehen wie eine große Bohne.

Das Ding im Kopf

Schlaffe Hülle

Kurzlebiges Kunstwerk: Morgen ist es verschwunden

Aber noch laufen die Gebläse nicht. Der Stoff muss erst richtig am Boden befestigt werden, lässt Volz wissen. Der Zeitplan kommt ins Rutschen, und Ingenieur Meyknecht ist die Ungeduld anzumerken: Er möchte wissen, ob alles so funktioniert, wie Christo und er sich das vorgestellt haben. Und so steht er am stummen Gebläse, während um ihn herum eine Art Gasometer-Kakophonie lärmt: Dröhnende Hammerschläge hinter dem Stoffvorhang, brummende Schleifmaschinen und quietschende Seilzüge, dazu die Rufe der Handwerker, die von den Wänden hin- und zurückgeworfen werden: Schwer zu glauben, dass die Besucher hier einmal meditative Ton-Effekte erleben sollen. Immerhin lässt sich erahnen, wie das "Big Air Package" auf Beleuchtung, auf Sonne oder elektrisches Licht reagieren wird: Als Regenwolken über dem Gasometer aufplatzen, wird es schlagartig dunkel - und die Hülle wirft geheimnisvolle Schatten. Wenig später wird es wieder hell am Himmel - der Stoff schimmert gräulich, die Falten darin wirken fast schwarz. Eine Momentaufnahme nur, ein Kunstwerk auf Zeit. Am nächsten Tag soll das "Big Air Package" stehen: das größte Denkmal der Welt, ein sanft atmendes schimmerndes Gebilde. Und dann kann Meyknecht aufatmen: "Ich habe mich ein Jahr lang damit beschäftigt und das ganze Ding mit jedem Knoten im Kopf gehabt." Er sieht so aus, als hätte es ihm Spaß gemacht.

Stand: 15.03.2013, 13:00