Wohnen im Haus der Landfrau

Eine älteres Ehepaar steht vor einem Haus

WDR Digit

Wohnen im Haus der Landfrau

Als Ute und Horst Stein 1976 eine Wäscherei übernahmen, wussten sie nicht, dass der Betrieb eine ganz besondere Geschichte hat: Ursprünglich sollten damit Landfrauen bei der Hausarbeit entlastet werden. Filme und Fotos von damals haben die Steins dem WDR für Digit übergeben.

"Durch die Annonce in einer Fachzeitung bin ich auf die Wäscherei aufmerksam geworden", erinnert sich Ute Stein daran, wie sie mit ihrem Mann Horst nach Eudenbach kam. Der kleine Ortsteil von Königswinter liegt in der Nähe der Landesgrenze zu Rheinland-Pfalz. Dort übernahmen die beiden 1976 die kleine Wäscherei. In dieser Branche hatten sie zuvor bereits in Bayern gearbeitet. Mit der Übernahme konnten sie sich ihre eigene Existenz aufbauen. Erst nach dem Kauf erfuhr Ute Stein eher zufällig von der ungewöhnlichen Geschichte ihres kleinen Betriebes. Begonnen hatte das Ganze als dörfliches Gemeinschaftsprojekt in den ersten Nachkriegsjahren. Die Neugierde der heute 73-jährigen war geweckt.

Projekt der Dorfgemeinschaft

Die ersten Hinweise auf das "Haus der Landfrau" bekam Stein aus der Nachbarschaft, ebenso wie die ersten alten Fotos. Das Haus, in dem das Ehepaar lebt, war ursprünglich ein bäuerliches Genossenschaftsprojekt, das den Hausfrauen auf dem Land unter die Arme greifen sollte. In dem von den Landwirten finanzierten Gebäude wurde 1953 eine Wäscherei eingerichtet. Dort konnten die Frauen die Wäsche zum Reinigen abgeben, denn viele Familien hatten in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg noch keine Waschmaschine. Die Landwirtschaftskammer Rheinland hatte das Projekt initiiert. Aus deren Archiv bekam Ute Stein schließlich auch die entscheidenden Informationen und Fotos. Die waren ihr besonders wichtig, denn sie wollte an die Tradition des Hauses erinnern.

Hilfe von der Landwirtschaftskammer

Schild mit der Abbildung einer Frau und der Aufschrift Haus der Landfrau

Schild mit der Abbildung einer Frau und der Aufschrift Haus der Landfrau

In den ersten Jahren prangte ein Hinweisschild am Eingang des Waschhauses, das irgendwann verloren gegangen war. Ute Stein wollte es nachmachen lassen, doch auf den Fotos der Nachbarn war das Schild nicht richtig zu erkennen. Erst die Fotos der Landwirtschaftskammer eigneten sich als Vorlage für die Kopie. Seit 2007 hängt es wieder vor der Tür, auch zur Freude der alten Dorfbewohner.

"Et Wäschehus", heißt der Wohnsitz des Ehepaares bis heute bei den Einheimischen. In den 1950er Jahren wurde dort aber nicht nur gewaschen. "Im Keller gab es einen Einweckkeller und Gefrierfächer", sagt Ute Stein. Doch die genossenschaftliche Idee des Hauses der Landfrau hatte sich schon nach wenigen Jahren überlebt. Mit dem Wirtschaftswunder hatten auch die Familien auf dem Land schnell das nötige Geld für die eigene Waschmaschine und den eigenen Kühlschrank. Was blieb, war die Wäscherei mit Heißmangel.

Schlafen in der alten Einweckküche

Mann blickt auf ein Ton-Modell eine Hauses

Mann blickt auf ein Ton-Modell eine Hauses

"Zu unserem Kundenstamm gehörten viele Restaurants und Hotels", erinnert sich Horst Stein. Aus der alten Einweckküche wurde ihr Schlafzimmer. Neben dem Wohnzimmer standen die Waschmaschinen. So lebten und arbeiteten die Steins zwanzig Jahre lang. Doch vom einen auf den anderen Tag war Schluss damit, als der heute 77-jährige einen Herzinfarkt erlitt. "Eigentlich hätten wir gerne noch zwei Jahre weiter gemacht." Nachdem die Geräte verkauft waren, konnte das Ehepaar endlich das ganze Haus wohnlich einrichten. So erinnern im Inneren nur noch ein paar Fotos an die Ursprünge.

Erinnerungen teilen

Schwarzweißfoto eine Hauses mit einer Außentreppe

Schwarzweißfoto eine Hauses mit einer Außentreppe

Um sich die alten Filmaufnahmen, die sie bei ihren Recherchen geschenkt bekommen hatte, endlich einmal auf dem Computer ansehen zu können, schickte Ute Stein die Rollen an das WDR-Digit-Team nach Köln. "Ich habe in der Aktuellen Stunde gesehen, dass es dieses tolle Projekt des WDR gibt." Sie freut sich darüber, dass sie nun selbst die Filme ansehen kann und sie gleichzeitig allen andern Interessierten zur Verfügung stellen kann.

Vielleicht ruft das auch bei anderen Menschen Erinnerungen wach, denn die Häuser der Landfrauen gab es nicht nur in Eudenbach. Mehr als 50 davon wurden im Rheinland als Fertighäuser errichtet. Ute und Horst Stein sind inzwischen zu intensiven Usern des Archivs des analogen Alltags geworden und schauen sich dort die Fotos und Filme anderer Nutzer an. Beim Digit-Vor-Ort-Termin auf Burg Wissem wollen die beiden dem Team noch einmal persönlich danken.

Stand: 10.05.2013, 10:23

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