Erinnerungen an die Bundestagswahl 1949

Zwei Plakate von CDU und SPD zur ersten Bundestagswahl

Erinnerungen an die Bundestagswahl 1949

Erinnerungen an die Bundestagswahl 1949

Am 14. August 1949 wurde der erste Deutsche Bundestag gewählt. Die Wahl elektrisierte die Menschen damals viel stärker als heutzutage, berichten Zeitzeugen. Schließlich ging es darum, die Weichen für die junge Demokratie zu stellen.

Günter Samtlebe war damals gerade Anfang Zwanzig. Dass er später als Dortmunder SPD-Oberbürgermeister mit über 26 Jahren Amtszeit in die Geschichte seiner Stadt eingehen würde, war noch nicht absehbar an diesem sonnigen Augustmorgen, dessen Bilder jetzt vor seinen Augen Revue passieren. "Menschenschlangen waren da auf den Straßen unterwegs", brummelt er, und seine Stimme bekommt einen versonnenen Klang, "alle gingen zu Fuß, Autos gab es ja kaum." Eigentlich habe er damals mit Politik "gar nichts am Hut gehabt": Gerade aus Kriegsgefangenschaft zurück, wollte er viel lieber "tanzen gehen, Spaß haben".

Die Mutter aber hatte ihn zum Wahlkampf verdonnert: Für die SPD sollte der Bengel die Werbetrommel rühren. Und dann kam der Tag, an dem er plötzlich gespürt habe, dass da etwas passiert. "Die Stimmung an diesem Wahltag war einfach toll. Uns alle hatte ein Glücksgefühl gepackt, eine große Hoffnung, dass es nach der Währungsreform jetzt bergauf gehen würde mit Deutschland." Schließlich war es die erste demokratische Wahl nach den Kriegsjahren. 78,5 Prozent aller wahlberechtigten Deutschen gaben an diesem 14. August 1949 ihre Stimme ab.

"Angst vor den Kommunisten"

Günter Samtlebe

'Etwas Großes passierte...'

"Die größte Angst der meisten war die vor den Kommunisten", erinnert sich Samtlebe. So kurz nach der Teilung Deutschlands sei die Furcht groß gewesen, doch noch von den roten Machthabern in Moskau vereinnahmt zu werden. An eine Szene im Wahllokal erinnert sich Samtlebe genau: Ein blinder Mann aus der Nachbarschaft kam herein, alle wussten, dass er für die Kommunistische Partei stimmen würde. Damit er sein Kreuz an der richtigen Stelle machen würde, sollte ihn ein Familienmitglied in die Kabine begleiten. Das aber wollten die Wahlhelfer verbieten. "Da gab es einen Riesenstreit, fast kam es zu einer Prügelei", erzählt der Ex-Oberbürgermeister, "die wollten das um jeden Preis verhindern". Schließlich bekam der blinde Wähler sein Recht auf freie Wahl.

Zum Skatspielen zu aufgeregt

Nach Wahlschluss ging es dann in die Stammkneipe, zum "Lenchen" auf der Schürener Straße: Treff mit den Skatbrüdern. "Gespielt haben wir kaum an diesem Abend", erinnert sich der 83-Jährige, "dazu waren alle viel zu aufgeregt." Bei Schwachbier und schwarz gehandelten Zigaretten drehte sich alles nur um eine Frage: Wer würde die erste demokratische Bundestagswahl gewinnen? Die Sozialdemokraten mit Kanzlerkandidat Kurt Schumacher oder das konservative Lager mit dem Kandidaten Konrad Adenauer? Das Ergebnis ließ zunächst auf sich warten. "Fernseher gab es nicht, Radio hatten nur wenige." Zu den wenigen gehörte allerdings der Hausbesitzer der Samtlebes. "Der hat sein Radio am nächsten Tag auf ganz laut gestellt. Durch die offenen Fenster konnten alle Nachbarn mithören." Irgendwann sei die Nachricht dann wie ein Lauffeuer umgegangen, quer über die Straße habe man sich zugerufen: "Adenauer hat gewonnen!".

"... bis die Stimme versagte"

Was für den jungen Günter Samtlebe und seine SPD-Genossen eine herbe Enttäuschung war - "wir waren fest davon überzeugt, dass Schumacher gewinnt" -, ließ Karl Franke zur selben Zeit jubilieren. Der damals 31-Jährige hatte harte Wochen hinter sich. Als Wahlkampfhelfer der Dortmunder CDU hatte er unermüdlich Plakate geklebt, "und das in der bundesweiten Hochburg der Sozialdemokraten". Franke, inzwischen 91 Jahre alt, sitzt auf seinem Sofa und blättert in vergilbten Papieren. "Da steht es," sagt er und deutet mit dem Finger auf ein mit Schreibmaschine betipptes Blatt. Es ist ein Lob der Parteiführung, kurz nach der Wahl. "Bis die Stimme versagte" sei Karl Franke mit dem Lautsprecherwagen durch die Straßen der Stadt gefahren. Auf einem anderem Zettel steht in kleiner Handschrift notiert, mit welchen Worten er die Dortmunder für die CDU begeistern sollte: 'Ihr Bürger, interessiert's Euch nicht, was gestern war, was heute ist?'.

Große Gefühle, große Hoffnung

Karl Franke

Erinnerung an spannende Tage

Franke zieht ein knittriges Flugblatt hervor. In ironischem Ton wird darauf zur "Trauerkundgebung" für den Bezugsschein geladen. Während des Krieges hatte es für den Schein Schuhe, Kleidung oder Lebensmittel gegeben, die Sozialdemokraten wollten ihn angeblich noch behalten. Für die Christdemokraten aber schien es vom Bezugsschein zurück zur Zwangswirtschaft nur noch ein kleiner Schritt. "Unser wichtigster Slogan war 'Wer nicht wählt, wählt Kommunisten'". Auch er erinnert sich an die Euphorie, die am Wahltag in der Luft lag: "Man hatte das Gefühl, dass jeder einzelne etwas bewirken kann". Mitwirken daran, dass "nach dem Desaster des Nationalsozialismus ein besseres Leben beginnen würde."

Adenauer wird erster Bundeskanzler

Wenige Jahre erst lag die Nazi-Diktatur zurück. Gab es noch Leute, die am liebsten eine NSDAP gewählt hätten? Konnte man sicher sein, dass der Nachbar oder der Arbeitskollege wirklich nicht dem alten Regime nachtrauerten? "Kaum einer sprach darüber, was er gewählt hatte." Dass offenbar die meisten Dortmunder die SPD gewählt hatten, sei schon am Wahlabend beim Auszählen der Stimmzettel im Wahllokal deutlich geworden. Bundesweit hatten 29,2 Prozent der Wähler für die SPD gestimmt, 25,2 Prozent für die CDU. Die Kommunisten bekamen nur 5,7 Prozent. "Dass Adenauer Bundeskanzler werden würde, erfuhren wir später aus dem Radio." Eine Koalition aus CDU/CSU, FDP und DP wählte den Kölner Bürgermeister am 15. September 1949 zum ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.

Stand: 05.11.2015, 15:10