"Karstadt wird verschwinden"

Schriftzüge von Arcandor und Karstadt

Kaufhaus-Konzern bricht auseinander

"Karstadt wird verschwinden"

Von Petra Blum

Experten hatten bereits vor Monaten gewarnt, der insolvente Arcandor-Konzern könne kaum als Ganzes gerettet werden. Jetzt ist es soweit: Arcandor wird auseinandergenommen, bei Quelle und Karstadt müssen tausende Mitarbeiter gehen. Den Namen Karstadt wird es wohl bald nicht mehr geben.

Als Konzernchef Karl-Gerhard Eick im Juni Insolvenzantrag für den Arcandor-Konzern stellte, wollten er und der Generalbevollmächtigte Horst Piepenburg den Konzern als Ganzes erhalten. "Ich konnte mir damals schon aus betriebswirtschaftlicher Sicht kaum vorstellen, wie das hätte gelingen können", sagt Handelsexperte Thomas Roeb von der FH - Bonn-Rhein-Sieg.

Der für die Belegschaft schlimmste Fall ist nun eingetreten: Arcandor bricht auseinander, zigtausende Mitarbeiter müssen sich auf Entlassungen gefasst machen. Der vorläufige Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg sucht nun noch nach Investoren für die einzelnen Tochtergesellschaften - vor allem für die Karstadt-Warenhäuser und für Primondo, wozu auch der Versandhändler Quelle gehört.

Gute Aussichten für Metro

Für mögliche Investoren ist jetzt die Zeit gekommen, zuzuschlagen. Alles spricht dafür, dass eine große Anzahl der Karstadt-Warenhäuser an den Metro-Konzern gehen werden. Nicht zuletzt, weil an dem Immobilienkonsortium Highstreet, das der Arcandor-Tochter Karstadt die Warenhäuser vermietet hat, auch Goldman-Sachs beteiligt ist. Metro-Chef Eckhard Cordes und Goldman Sachs-Deutschland-Chef Alexander Dibelius verbindet eine persönliche Freundschaft. Zudem kann Metro die Karstadt- Häuser jetzt deutlich günstiger haben, nachdem die Zerschlagung Arcandors beschlossene Sache ist.

"Man kann aber nicht sagen, dass sich Metro die Rosinen unter den Karstadt-Häusern jetzt rauspickt", sagt Handelsexperte Roeb. "Karstadt ist eher wie ein Apfel, der in Teilen braun geworden ist. Metro wird jetzt die braunen Stellen raus schneiden und sich den Rest einverleiben." Von den derzeit 126 Waren- und Sporthäusern kommen 19 nicht profitable Häuser aus elf Bundesländern auf den Prüfstand. Ihnen droht die Schließung. "Das wird zu einem nennenswerten Stellenabbau führen", betonte Insolvenzverwalter Görg.

"Das Unternehmen Karstadt, so wie wir es kennen, wird von der Bildfläche verschwinden", sagt der Bonner Wissenschaftler Roeb. Grund zur Hoffnung können die Beschäftigten vielleicht dennoch haben. Die Metro-Gruppe, die die Kaufhof-Warenhäuser betreibt, möchte zwei Drittel der Karstadt-Häuser übernehmen. Das zukünftige Unternehmen könnte dann Warenhaus AG heißen - und damit würde dann der Name Karstadt verschwinden. "Die Standorte, wo ein Karstadt schließt, bleiben ja nicht alle einfach leer. Irgendjemand wird dort reingehen, vielleicht ein Media-Markt oder ein Fitness-Studio, und kann vielleicht ein Teil der Belegschaft übernehmen", so Roeb.

"Das Geschäftsmodell ist problematisch"

Anders sieht es beim traditionsreichen Versandhandel Quelle aus. Zwar ist bereits von Interessenten an der Arcandor-Tochter Primondo, zu der Quelle gehört, die Rede. "Ich könnte mir nicht vorstellen, wer von einem Kauf von Quelle einen Nutzen haben könnte", sagt Roeb. "Selbst bei Primondo ist ein Verkauf als Ganzes schwer vorstellbar."

Quelle kämpft schon lange mit sinkenden Umsätzen. "Dieses Konzept des Generalisten, der alles in einem Katalog oder alles unter einem Dach anbietet, hat große Probleme. Deshalb kämpfen Karstadt und Quelle praktisch mit den gleichen Schwierigkeiten", urteilt Roeb. Lediglich die Spezialversender wie beispielsweise Hess Natur für Naturtextilien oder Baby Walz arbeiten profitabel - an ihnen ist auch bereits der Otto-Konzern interessiert. Findet sich für Quelle kein Käufer, droht die Abwicklung. In diesem Fall wären die 3.700 Arbeitsplätze, die jetzt wegfallen sollen, wohl nur ein erster Schritt.

Kein lachender Dritter nach Arcandor-Zerschlagung

Die Zerschlagung des Arcandor-Konzerns hatten viele Experten nach dem Insolvenzantrag für unausweichlich gehalten. Zu groß waren die Krankheiten, die der Konzern sich schon vor Ausbruch der Wirtschaftskrise über die Jahre zugezogen hatte: Das Konzept, als Generalist alles unter einem Dach anzubieten, funktionierte weder bei den Karstadt-Kaufhäusern noch beim Versandhändler Quelle. Karstadt zahlte zu hohe Mieten für die Warenhäuser, was zuletzt arg auf die Bilanz drückte. Quelle liegt hoffnungslos hinter dem Hauptkonkurrenten Otto zurück, der schon früher einen Teil seines Geschäfts ins Internet verlagerte und sein Sortiment verjüngte.

Einen lachenden Dritten gibt es nach einer Abwicklung beziehungsweise dem Verkauf von Arcandor-Töchtern nicht - sieht man vom Metro-Konzern, der nun Karstadt-Warenhäuser zum Schnäppchenpreis haben kann, einmal ab. "Der Umsatz, der nicht mehr von Arcandor gemacht wird, verteilt sich so dünn auf den restlichen Handel, dass niemand in besonderem Maße davon profitieren kann", so Handelsexperte Roeb.

Probleme aus der Zerschlagung von Arcandor sehen Experten besonders für Kleinstädte, in deren Zentren das Karstadt-Warenhaus oft der größte Kundenmagnet ist. Genau diese Filialen sind aber häufig die weniger profitablen und von Schließung bedroht. Macht eine solche Karstadt-Filiale dicht, bedeutet das auch fast automatisch Umsatzeinbussen für die umliegenden Geschäfte, weil Kunden gar nicht mehr erst ins Stadtzentrum kommen - sonder gleich die nächste Großstadt anpeilen.

Stand: 13.08.2009, 21:39