Stichtag

31. Dezember 1939 - Erstes Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker

Seit Jahrzehnten präsentieren die Wiener Philharmoniker zum Jahreswechsel ein Programm aus dem Repertoire der Strauß-Dynastie und deren Zeitgenossen. Die Nachfrage für die Hauptdarbietung am Neujahrsvormittag und zwei Begleitkonzerte ist enorm: Karten werden ausschließlich über die Website der Wiener Philharmoniker verlost. Sie kosten für das Neujahrskonzert teilweise über 1.000 Euro. Die Veranstaltungen erreichen durch die weltweite Fernsehübertragung zudem Zuschauer in mittlerweile über 90 Ländern.

Seinen Ursprung hat das Spektakel im Nationalsozialismus: Am 31. Dezember 1939, vier Monate nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, geben die Wiener Philharmoniker unter der Leitung des Dirigenten Clemens Krauss ein Johann-Strauß-Konzert. Es wird im Radio übertragen. Die Walzerklänge passen bestens in die Strategie der Nazi-Propaganda. Die leichten Melodien sollen die Sorge um Angehörige an der Front zerstreuen. Die Einnahmen des Silvesterkonzerts stellen die Wiener Philharmoniker zur Gänze dem von Adolf Hitler kurz zuvor eröffneten ersten "Winterhilfswerk" zur Verfügung. Im Jahr darauf wird das Konzert vom Silvester- auf den Neujahrsvormittag verlegt: Am 1. Januar 1941 spielen die Wiener Philharmoniker - wieder unter der Leitung von Krauss - "zum ersten Mal für die NS-Gemeinschaft 'Kraft durch Freude'", wie es in der Konzertankündigung des "Neuigkeits-Welt-Blatts" vom 22. Dezember 1940 heißt.

Ehrenring für Gauleiter von Schirach

Manche der Musiker zeigen damals weit mehr als das erwartete Maß an Regime-Treue. Der Anteil der NSDAP-Mitglieder unter den Wiener Philharmonikern, bei denen es bereits vor dem "Anschluss" Österreichs 1938 eine illegale Nazi-Zelle gab, liegt bis 1945 bei knapp 50 Prozent. Zum Vergleich: Bei den Berliner Philharmonikern ist damals jeder Fünfte Parteimitglied. Die Wiener Philharmoniker verleihen außerdem 1942 dem Wiener Gauleiter Baldur von Schirach, der für die Deportation Zehntausender Juden mitverantwortlich ist, den Ehrenring des Orchesters.

Die jüdischen Musiker der Wiener Philharmoniker sind schon wenige Tage nach dem "Anschluss" entlassen worden. Insgesamt haben 15 Kollegen aufgrund der Nürnberger Rassegesetze ihre Stelle verloren. Sieben von ihnen sterben im KZ, während der Deportation oder nach Misshandlungen im Krankenhaus. Nach den Entlassungen sinkt offenbar die Qualität des Orchesters: "Man griff anfangs auf ein leichteres Repertoire zurück und spielte einfachere Stücke", sagt der Wiener Historiker Oliver Rathkolb. Für seinen Schweizer Kollegen Fritz Trümpi ist klar: "Der berühmte Wiener Klangstil, spieltechnisch auf die Wiener Klassik zurückgehend, verdankt paradoxerweise seinen Weltruhm der Provinzialisierung der Wiener Philharmoniker während der NS-Zeit."

Strauß' jüdische Herkunft wird vertuscht

Eigentlich dürfen die Werke von Johann Strauß in der Nazi-Zeit gar nicht aufgeführt werden: "Ein Oberschlauberger hat herausgefunden, dass Joh. Strauß ein Achteljude ist. Ich verbiete, das an die Öffentlichkeit zu bringen", notiert Propagandaminister Joseph Goebbels in seinem Tagebuch am 5. Juni 1938. "Denn erstens ist es noch nicht erwiesen, und zweitens habe ich keine Lust, den ganzen deutschen Kulturbesitz so nach und nach unterhöhlen zu lassen." Statt dessen wird Strauß' jüdische Herkunft durch eine Fälschung der Familienunterlagen vertuscht.

Dirigent Krauss, der als Begründer der Strauß-Tradition der Wiener Philharmoniker gilt, betreut die Neujahrskonzerte bis Kriegsende. Die Tradition wird danach fast nahtlos fortgesetzt: 1946 und 1947 steht Josef Krips am Pult, der während des Nationalsozialismus wegen seiner jüdischen Abstammung nicht dirigieren durfte. 1948 kehrt Krauss nach Aufhebung seines zweijährigen Betätigungsverbotes durch die Alliierten zurück und leitet bis zu seinem Tod sieben weitere Neujahrskonzerte.

Stand: 31.12.2014

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