Stichtag

31. August 1924 - Geburtstag von Harry Meyen

"Er hatte die Ausstrahlung eines Herren, eines unnahbaren Kühlen. Das reizte die Frauen, auch wenn er in Wirklichkeit nicht so war", sagt Michael Jürgs, Buchautor und Journalist aus Hamburg, der mit Meyen befreundet war. Harry Meyen gab den Intellektuellen, obwohl er weder eine Universität besucht hat, noch Absolvent einer Schauspiel- oder Regieschule war. "Er hatte eine Ausbildung, die man heute als Halbbildung bezeichnen würde. Er hat aber sehr viel gelesen und sehr gut zugehört", sagt Jürgs. In den 1950er-Jahren war er ein gefeierter Theaterschauspieler, dessen Leben eine Wende nahm, als er Romy Schneider heiratete.

Meyen schaut Inszenierungen der Kollegen an

Harry Meyen wird am 31. August 1924 als Harald Haubenstock geboren. Weil er im Nationalsozialismus als Halbjude gilt, kommt er mit 18 Jahren ins KZ Fuhlsbüttel und wird später mit viel Glück von den Amerikanern befreit. Zum Theater kommt Meyen durch seinen Vater, der als Pressechef für die Berliner Skala arbeitet. Meyen hat Talent und wird schnell zum "König des Boulevard-Theaters", wie ihn Journalisten nennen. Nach dem Krieg will das West-Berliner Publikum Heiteres sehen. Harry Meyen beeindruckt in Stücken wie "Bunbury" von Oscar Wilde, der Oper "Der Prinz von Homburg" oder in "Wolken sind überall". Meyens Name steht bald für die gehobene Boulevardkunst.

Er führt auch Regie und bereitet seine Stücke mit Kalkül vor. "Er ist praktisch durch Europa gefahren und hat sich die Inszenierungen seiner Kollegen angeschaut und genau aufgeschrieben, an welcher Stelle des Stückes Beifall kam, wann es gelangweilt war oder gelacht worden ist. Und das hat er sich notiert und auf seine Inszenierungen übertragen", erklärt Jürgs.

Fernsehabende mit Königsberger Klopsen

Am 2. April 1965 ändert sich das Leben von Harry Meyen schlagartig. Bei der Eröffnung des Europacenters am Kurfürstendamm lernt er Romy Schneider kennen. "Wie man später erfuhr, war es ein Coup de foudre, ein Blitzschlag des Verliebtseins", sagt Jürgs. Der 41-jährige Meyen ist noch mit der Schauspielerin Anneliese Römer verheiratet. Romy Schneider kauft Meyen für 200.000 Mark aus dieser Ehe frei und heiratet ihn im Juli 1966. Im Dezember desselben Jahres wird ihr Kind David Christopher geboren. Harry Meyen vernachlässigt seine eigene Karriere und kümmert sich um seine Frau. Auch Schneider verändert sich. "Romy Schneider wurde von ihm domestiziert zu einer aufblickenden, wunderschönen Hausfrau. Er schmückte sich mit ihr, und gab gleichzeitig zum Ausdruck, dass sie ohne ihn nichts wäre", sagt Jürgs. Romy Schneider genießt das bürgerliche Leben mit Mann und Kind zwei Jahre. Mit Königsberger Klopsen und Kartoffelsalat verbringt das Ehepaar die Abende vor dem Fernseher. "Bis Schneider irgendwann merkte, dass Meyen ihr in vielerlei Hinsicht nicht das Wasser reichen konnte. Er war als Schauspieler nicht so gut wie sie als Schauspielerin", sagt der Buchautor Jürgs.

Romy bricht aus, dreht wieder in Frankreich und Harry Meyen ist "Monsieur Schneider", ein Anhängsel. Beruflich verliert er an Ansehen: Als Regisseur von Wagners "Tannhäuser" und Rossinis "Barbier von Sevilla" scheitert der Boulevard-Theatermacher Ende der 1960er-Jahre gnadenlos. Das Hamburger Publikum buht ihn aus. Romy Schneider hatte ihm diese Regieaufträge durch ihre guten Beziehungen verschafft. "Hätte sich Harry Meyen beschränkt auf das, was er kann, das Boulevard-Theater, wäre alles nicht so tragisch verlaufen", sagt Jürgs.

Romy Schneider geht zurück nach Frankreich und nimmt auch den gemeinsamen Sohn mit. Meyen bleibt in Hamburg. Nach der Scheidung im Jahr 1975 sagt er: "Was schlimmer ist als Sissi zu sein? Exmann von Sissi." Die Depression, unter der er Zeit seines Lebens leidet, wird schlimmer, er nimmt Tabletten. Am 15. April 1979 erhängt sich Harry Meyen auf dem Balkon seiner Hamburger Wohnung. Schneider ist schockiert, schreibt in ihrem Tagebuch "Ich, Romy": "Ich hätte mich mehr um ihn kümmern müssen."

Stand: 31.08.2014

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