Stichtag

31. Mai 2009 – Millvina Dean stirbt

Millvina Dean glaubt ans Schicksal. "Was passieren soll, wird passieren", lautet ihr Motto. Wenn dem so ist, dann meint das Schicksal es nicht gut mit ihr, als es sie als Baby mitsamt ihrer Familie an Bord der "Titanic" bringt. Im Gegenteil: Im Fall der Deans spielt das Schicksal ein perfides Spiel. 

Ursprünglich nämlich hat Millvina Deans Vater Tickets für ein kleineres Schiff erworben, um von Southampton nach New York zu fahren. Aber ein Streik der englischen Kohlearbeiter sorgt dafür, dass die vorhandene Kohle nur noch für die "Titanic" reicht. Die Reederei White Star will ihr Prestigeobjekt nicht gefährden und bucht kurzerhand alle Fahrkarten für andere Schiffe auf die "Titanic" um.

Im Sack ins Rettungsboot

Die Deans sind eine typische Auswandererfamilie. Der Vater betreibt vermutlich eine Schankwirtschaft in der Nähe von Southampton, die er verkauft, um in New York mit einem eigenen Tabakwarengeschäft ein neues Leben zu beginnen. Im April 1912 wird die gerade einmal neun Wochen alte Millvina an Bord der als unsinkbar geltenden "Titanic" getragen. Dort entwickelt sie sich Medienberichten zufolge zu Everybody's Darling: Angeblich muss ein Offizier die Order geben, dass Passagiere der ersten und zweiten Klasse sie nicht länger als zehn Minuten in den Armen halten dürfen.

Als die "Titanic" kurz darauf einen Eisberg rammt und untergeht, trägt ihre Mutter Millvina Dean in einen Sack gewickelt in ein Rettungsboot. Beide überleben, ebenso wie Deans zweijähriger Bruder. Ihr Vater allerdings kommt bei dem Unglück um.

"Es war kalt"

Die Mutter kehrt mit ihren beiden Kindern nach Großbritannien zurück. Millvina Dean wächst in Südengland auf, wo sie ein Leben lang wohnen bleibt und später für die britische Regierung als Kartographin arbeitet. Der Untergang der "Titanic" ist ein traumatisches Erlebnis für die Mutter - und deshalb lange ein Tabuthema im Haus. Millvina Dean erfährt davon erst, als sie acht Jahre alt ist.

Berühmt wird Dean als jüngste und letzte Überlebende des Unglückserst Mitte der 90er Jahre durch James Camerons "Titanic"-Film. Danach reist sie um die Welt und wird von Reportern interviewt. Das sie zum Untergang des Luxusdampfers eigentlich nichts Persönliches sagen kann, stört dabei offenbar wenig. Dean pariert die bohrenden Fragen in der ihr eigenen Art mit kühlem britischen Humor. Wie es denn auf der Titanic gewesen sei? Kalt sei es gewesen.

Millvina Dean stirbt am 31. Mai 2009 in in Ashurst bei Southampton – auf den Tag genau 98 Jahre nach dem Stapellauf des Luxusdampfers, der ihr Leben bestimmte.

Stand: 31.05.2014

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