Stichtag

23. Juni 1966 - Letzte Schicht eines deutschen Grubenpferdes

Zum Schluss arbeitet der alte Tobias kaum noch. Nach zwölf Jahren Maloche unter Tage zieht er nur noch hin und wieder mal eine Lore Kohlen durch den Stollen. Lieber lässt sich der braune Wallach in seinem unterirdischen Stall von den Bergleuten verwöhnen, am liebsten mit Butterbroten, Kartoffelschalen und geschälten Apfelsinen. Den Kohletransport erledigt längst moderne Fördertechnik für ihn.

So tritt Tobias am 23. Juni 1966 mit reichlich Speck auf den Rippen seine endgültig letzte Schicht auf der Zeche General Blumenthal in Recklinghausen an. Der Bergwerksdirektor und sogar das Fernsehen sind gekommen, um Deutschlands letztes Grubenpferd in den wohlverdienten Ruhestand zu verabschieden.

Bei Beinbruch gibt es Gulasch

Rund 100 Jahre lang haben Pferde unter Tage Schwerstarbeit geleistet und den Bergleuten das Ziehen der Kohleloren abgenommen. Zunächst werden Ponys, eingewickelt in Netze, zu Schichtbeginn durch die engen Förderschächte in die Tiefe hinab gelassen. Später kommen kräftigere Pferde zum Einsatz, vor allem Haflinger. Tageslicht sehen sie nur noch selten, da man inzwischen Ställe in den Stollen eingerichtet hat. Auf dem Höhepunkt der Grubenpferd-Ära vor dem Ersten Weltkrieg verrichten allein in den Zechen an der Ruhr mehr als 8.000 vierbeinige Kumpel die Kärrnerarbeit.

Grubenpferde gewöhnen sich erstaunlich rasch an die sonnenlose Untertage-Welt. Sie entwickeln einen exakten Orientierungssinn und sind wenig anfällig für die bei Kumpels gefürchtete Staublunge. Wegen des Luftzugs in den Stollen leiden sie aber oft an Erkältungen und Augenentzündungen. Lebensgefährlich ist die Arbeit vor Ort für Mensch und Tier. "Bei Beinbruch musste das Pferd in der Grube getötet werden… Dann gab es drei Tage in der Werksküche Nudeln mit Gulasch", erinnert sich der Bergmann und frühere Pferdeführer Horst Höger. Seit den 20er Jahren übernehmen immer mehr Förderbänder und Elektro-Loks die Arbeit der Tiere.

Der Vorletzte seiner Art

Auf General Blumenthal ist Tobias an einer Ortsveränderung im hohen Alter gar nicht interessiert. Als man ihn zur letzten Fahrt zum Förderkorb führt, reißt er sich los und galoppiert schnurstracks in seinen Stall zurück. Von Steiger Heinrich Rawers in eine Kiste gelockt, gelingt es endlich am frühen Morgen, den störrischen Rentner ans Tageslicht zu hieven. Auch in den Pferdetransporter lässt sich Deutschlands dienstältestes Grubenpferd widerwillig nur rückwärts verfrachten.

Ein kleiner Schatten fällt allerdings auf Tobias’ Ruhm als Letztem seiner Art. Denn während der müde Wallach als Fernsehheld seinen Ruhestand auf der saftigen Weide eines Recklinghauser Bergmannskottens antritt, steht der alte Schimmel Seppel in Bochum-Gerthe immer noch hunderte Meter tief in seinem Stall. Von seiner Verabschiedung zwei Monate später existiert nicht mal ein Foto.

Stand: 23.06.2011

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