9. August 1957 - Strafbefehl gegen "Weltbürger Nr. 1" Garry Davis

Stand: 03.08.2022, 08:14 Uhr

Im Zweiten Weltkrieg ist Garry Davis US-Soldat und überlegt, wie ein künftiger Frieden dauerhaft erhalten bleiben kann. Seine Idee: Die Nationalstaaten müssen abgeschafft und die Menschen Weltbürger werden. Doch das gefällt nicht allen.

Im Sommer 1957 reist der US-Amerikaner Garry Davis über Frankreich illegal in die Bundesrepublik ein. In Helmstedt will er die DDR-Grenze in Richtung Berlin passieren. Doch die DDR-Volkspolizisten holen ihn aus dem Zug und schicken ihn zurück. Den einzigen Pass, den er vorweisen kann, hat er sich selbst ausgestellt: den "Weltbürger-Pass Nummer eins".

Darauf reagieren auch die westdeutschen Behörden allergisch. Davis bekommt am 9. August 1957 einen Strafbefehl, weil er ohne gültige Papiere unterwegs ist. Weil er die Geldstrafe von 100 Mark nicht zahlen kann, muss Davis ersatzweise im Gerichtsgefängnis Hannover ein paar Tage in Haft.

Strafbefehl gegen "Weltbürger Nr.1" Garry Davis (am 09.08.1957) WDR ZeitZeichen 09.08.2022 14:46 Min. Verfügbar bis 09.08.2099 WDR 5

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Über Peenemünde abgeschossen

Die Vorgeschichte: Während des Zweiten Weltkrieges wird Davis als Bomberpilot über Peenemünde abgeschossen. Er rettet sich aus dem Flugzeug, schlägt sich nach Schweden durch und wird bis zum Kriegsende interniert. Der gelernte Schauspieler hat viel Zeit und beschäftigt sich mit der Frage: "Warum soll man erst warten, bis der Krieg ausbricht, um für den Frieden zu kämpfen?"

Für ihn sind die konkurrierenden Nationalstaaten der Grund allen Übels. Er will stattdessen eine Weltregierung aufbauen. Alle Menschen sollen als Weltbürger einen gleichen Pass erhalten: den "Weltbürger-Pass". Für Davis ist der nationale Pass ein Aneignungsdokument, um Bürger zu staatlichem Eigentum zu machen.

Auf UNO-Gelände campiert

Als 1948 die UNO über die "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" debattiert und diese zu scheitern droht, wird Davis aktiv. Er reist nach Paris, wo die Vereinten Nationen tagen. Seinen Pass gibt er beim US-Konsulat ab. Vor laufenden Kameras verbrennt er seinen gerade ausgestellten Ersatz-Pass und erklärt sich zum staatenlosen Weltbürger.

Als Staatenloser schlägt Davis auf dem exterritorialen Gelände der Vereinten Nationen ein kleines Zelt auf und schreibt mit seiner Reiseschreibmaschine Pressemitteilungen. Schließlich kapert er eine UNO-Sitzung und hält vom Besucher-Balkon aus eine Rede. Die Polizei schreitet ein. Doch der inhaftierte Davis wird von Albert Camus, Albert Einstein sowie Albert Schweitzer unterstützt und bald freigelassen.

Geburtshelfer der Menschenrechte

Zu den Veranstaltungen von Davis kommen nun bis zu 20.000 Menschen. Massen belagern das Geländer der UNO. Am 10. Dezember 1948 wird die "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" doch noch verabschiedet. Ohne Davis wäre es vermutlich anders gekommen.

Garry Davis setzt weiterhin auf Einzelaktionen wie der Gründung der "Weltbürger-Passagentur", bei der sich rund 750.000 Menschen registrieren lassen. Davis, der abwechselnd in Frankreich und den USA lebt, legt sich immer wieder mit Behörden an. 1984 wird er zum Beispiel aus Japan ausgewiesen. Er vergibt seine "Weltbürger-Pässe" auch an Julian Assange und Edward Snowdon - bevor er 2013 mit 91 Jahren in South Burlington stirbt.

Autor des Hörfunkbeitrags: Heiner Wember
Redaktion: David Rother

Programmtipps:

ZeitZeichen auf WDR 5 (9.45 Uhr) und WDR 3 (17.45 Uhr) erinnert am 9. August 2022 an Garry Davis. Das ZeitZeichen gibt es auch als Podcast.

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