5. Juli 1922 - Der Nansen-Pass wird eingeführt

Stand: 29.06.2022, 16:45 Uhr

Ein Stück Papier, oft handschriftlich ausgeführt - und doch so viel mehr: Für viele Menschen ist der Nansen-Pass die Eintrittskarte in ein neues Leben. Initiator ist der norwegische Polarforscher Fridtjof Nansen.

Der Komponist Igor Strawinsky, die Ballerina Anna Pawlowa oder der Maler Marc Chagall: Sie alle hatten einen Nansen-Pass. Ein Zertifikat für staatenlose Flüchtlinge, das in den Wirren der europäischen Bürgerkriege nach dem Ersten Weltkrieg eingeführt wird. "Dieses Ausweisdokument, ein Ersatz-Ausweis, ist entwickelt worden für Flüchtlinge aus Russland, die von der sich gerade bildenden Sowjetunion als staatenlos erklärt wurden", erklärt die Historikerin Kathrin Kollmeier.

Ein Abenteuer als Diplomat mit Empathie

Um die Geschicke der Flüchtlinge kümmert sich zunächst kein Politiker, sondern ein berühmter Polarforscher. Ein Abenteuer und frisch gebackener Diplomat: der Norweger Fridtjof Nansen. Kathrin Kollmeier: "Zum Ende des Ersten Weltkriegs hat er sich schon verschiedentlich humanitär betätigt, und im Rahmen des Völkerbundes wo er der Leiter der norwegischen Delegation war, hatte er sich bereits für die Versorgung und Repatriierung von russischen Kriegsgefangenen eingesetzt."

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Nansenpass für staatenlose Flüchtlinge eingeführt (05.07.1922) WDR ZeitZeichen 05.07.2022 14:37 Min. Verfügbar bis 05.07.2099 WDR 5

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Lenin hatte 1921 allen im Ausland lebenden Russen die Staatsbürgerschaft entzogen. So wurden eine Million Russinnen und Russen von einem Tag zum anderen staatenlos. Nansen schafft es, dass innerhalb von 18 Monaten mehr als eine halbe Million Kriegsgefangene in ihre Heimat zurückkehren können.

Fridtjof Nansen | Bildquelle: Heritage-Images / The Print Coll

Als Hochkommissar für russische Flüchtlinge setzt sich Nansen dafür ein, Menschen mit Ausweisen auszustatten, auch wenn sie keine Staatsangehörigkeit haben. Am 5. Juli 1922 wird in Genf ein internationales Abkommen über diesen "Staatenlos-Pass" geschlossen, der bald nur noch "Nansen-Pass" genannt wird. Der norwegische Polarforscher ist zu dieser Zeit bereits weltberühmt - unter anderem wegen seiner Durchquerung Grönlands. 1922 wird er für sein Engagement für Flüchtlinge mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Heiß begehrtes Dokument

Etwa 450.000 Personen erhalten in der Zwischenkriegszeit den Nansen-Pass. Er ist heiß begehrt, wird aber auch als Dokument zweiter Klasse kritisiert. Der Pass muss ständig und in kurzen Abständen beglaubigt und einmal im Jahr verlängert werden.

Ein in der Schweiz ausgestellter Nansenpass für einen russischen Flüchtling (Ausschnitt) | Bildquelle: picture alliance / ullstein bild

Ausgestellt wird der Nansen-Pass von den Behörden des Staates, in dem der Flüchtling sich aufhält. Er ermöglicht es zum Beispiel, eine Wohnung und auch Arbeit zu finden. In einigen Ländern Europas erhalten die Pass-Inhaber Unterstützungsleistungen. Das Dokument gilt als Meilenstein für die Entwicklung des humanitären Völkerrechts.

Autorin des Hörfunkbeitrags: Martina Meißner
Redaktion: David Rother

Programmtipps:

ZeitZeichen auf WDR 5 (9.45 Uhr) und WDR 3 (17.45 Uhr) erinnert am 5. Juli 2022 an die Einführung des Nansen-Passes. Das ZeitZeichen gibt es auch als Podcast.

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