4. Dezember 1997 - Die Londoner Konferenz über Nazigold endet

Der Zweite Weltkrieg ist für die Nazis ein Raubzug: Sie stehlen die Goldreserven der überfallenen Staaten und das Zahngold der ermordeten Lagerinsassen. 1997 verteilt die Londoner Konferenz das verbliebene Nazigold.

Die Initiative geht von der britischen Regierung aus: 1997 lädt Außenminister Robin Cook rund 40 Länder zu einer Konferenz nach London ein, die den Rest des nationalsozialistischen Raubgoldes verteilen soll. In den Tresoren der Westalliierten lagern damals noch etwa 5,5 Tonnen Gold, das ursprünglich Opfern des Zweiten Weltkrieges gehörte. Ein kleiner Rest gemessen an den 337 Tonnen, die nach der deutschen Kapitulation gefunden wurden.

Der Hintergrund: Die deutsche Wehrmacht hatte in jedem Land, das sie im Zweiten Weltkrieg eroberte, als eine der ersten Maßnahmen die jeweilige Nationalbank geplündert. Ein Teil der Goldbarren und Münzen wurden eingeschmolzen, um es vor allem in der Schweiz als sogenanntes neutrales Gold zu verkaufen. Mit den eingenommenen Devisen konnte die deutsche Rüstungsindustrie Rohstoffe im Ausland kaufen und die Wehrmacht weiter Krieg führen.

Konferenz zu Nazigold beschließt Holocaustfonds (am 04.12.1997) WDR ZeitZeichen 04.12.2022 14:47 Min. Verfügbar bis 04.12.2099 WDR 5

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KZ-Zwangskommando muss Goldzähne herausbrechen

Dieser Raub reichte dem "Dritten Reich" aber nicht. In den NS-Vernichtungslagern mussten jüdische Zwangskommandos die Leichen der in den Gaskammern ermordeten Häftlinge schänden. "Dann musste einer vom Sonderkommando ihnen die Goldzähne rausbrechen, und das ganze Gold kam in eine Kiste", erzählt Lemke Fleischko, der Auschwitz überlebt hat. "Die Kisten hat man dann zu einem Spezialraum gebracht, wo zwei junge tschechische Häftlinge das Gold zu großen Klumpen schmolzen."

Nach Kriegsende gehen die Siegermächte mit den sichergestellten Goldbeständen unterschiedlich um. Die Sowjets sehen darin eine Art Reparation, mit der sie ihr zerstörtes Land wieder aufbauen wollen. Die US-Amerikaner, Briten und Franzosen gehen anders vor. Ihre "Tripartite Gold Commission" (TGC), die Goldkommission der drei Länder, sichert zunächst das konfiszierte Gold. Zusätzlich versucht sie, Nazigold aus neutralen Ländern wie der Schweiz und Schweden zurückzubekommen.

Gold-Rückgabe an frühere Ostblockländer

Anschließend geben die Westalliierten Gold an Regierungen zurück, denen es zuvor von den Nationalsozialisten gestohlen worden war. Allerdings nicht an alle: Aufgrund des Kalten Krieges erhalten Länder hinter dem Eisernen Vorhang erst einmal nichts. Privatpersonen gehen ebenfalls leer aus. Das Gold ihrer Angehörigen war eingeschmolzen worden und kann nicht mehr zugeordnet werden.

Bei der dreitägigen Nazigold-Konferenz in London sagt der britische Außenminister Cook im Dezember 1997: "Wir sind hier, um Ausgleich für ein Leiden zu schaffen, das nie getilgt werden kann." Das restliche Gold wird hauptsächlich an frühere Ostblock-Länder verteilt. Die Briten legen auch einen Fonds auf für die Unterstützung von Holocaust-Überlebenden. Doch die Resonanz fällt ernüchternd aus.

Wenig Beteiligte am Entschädigungsfonds

Die Schweiz, über deren Banken 85 Prozent der Geschäfte mit dem von den Nazis geraubten Gold gelaufen sein sollen, will sich nicht beteiligen. Das Land verweist auf einen eigenen, bereits eingerichteten Sonderfonds von 275 Millionen Franken. Am Ende der Konferenz am 4. Dezember 1997 ist die Enttäuschung groß: Die meisten der teilnehmenden Staaten wollen sich nicht an einem gemeinsamen Entschädigungsfonds beteiligen. Auch die Bundesrepublik ist nicht dabei.

Ein Jahr später lädt die US-Regierung nach Washington ein. Bei dieser Konferenz geht es um rund 250.000 Vermögenswerte. Dazu gehören unter anderem Gebäude, Grundstücke, Versicherungen und Raubkunst. Im Unterschied zum Nazigold konnten in vielen dieser Fälle die Eigentümer ermittelt werden. Alle Teilnehmerländer verpflichten sich, auf Verjährungsfristen zu verzichten - ein Novum. Es werden auch Prinzipien zum Umgang mit Raubkunst vereinbart.

Autor des Hörfunkbeitrags: Heiner Wember
Redaktion: Gesa Rünker

Programmtipps:

ZeitZeichen auf WDR 5 (9.45 Uhr) und WDR 3 (17.45 Uhr) erinnert am 4. Dezember 2022 an die Londoner Konferenz über Nazigold. Das ZeitZeichen gibt es auch als Podcast.

ZeitZeichen am 05.12.2022: Vor 70 Jahren: "The Great Smog" in London