Stichtag

12. Oktober 1935 - Verbot von Jazz-Musik im deutschen Rundfunk

Gut zehn Jahre nach seinen ersten Erfolgen in den USA kommt der Jazz in den Golden Twenties nach Deutschland. Das Sam-Wooding-Orchester ist 1925 die erste schwarze Jazz-Formation, die in Berlin gastiert. Ein Jahr später folgt der weiße Bandleader Paul Whiting. Deutsche Schallplatten-Firmen machen Louis Armstrong, Duke Ellington und Benny Goodman populär. Berlin wird zur europäischen Metropole des Jazz. In der Hauptstadt entstehen immer neue Tanzbars. Brave Salonorchester sind passé.

"Eine Angelegenheit der Halbwilden"

Als die Nazis die Macht übernehmen, ändert sich das. Eine rassistische Anti-Jazz-Kampagne beginnt: "Wir fordern den Ausschluss ausländischer Tanzkapellen und die Beseitigung des Neger-Jazz", so der Musikjournalist Fritz Stege vom "Kampfbund für deutsche Kultur". Im November 1933 wird die Reichsmusikkammer gegründet. Sie verweigert "nicht-arischen" Künstlern die Arbeitserlaubnis. Dennoch: Als 1935 der Swing aus den USA nach Deutschland herüberschwappt, wird er auch von deutschen Orchestern gespielt. Manche bewegen sich am Rande der Legalität: Wenn Nazi-Kontrolleure die Bars betreten, schalten die Bands in Sekundenschnelle auf deutsche Schlager um.

Am 12. Oktober 1935 verkündet Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky - einen Monat nach dem Erlass der so genannten Nürnberger Rassegesetze: "Mit dem heutigen Tag spreche ich ein endgültiges Verbot des Nigger-Jazz für den gesamten deutschen Rundfunk aus." Diese Musik sei "eine Angelegenheit von Halbwilden" und gehöre deshalb "in ein Museum für Völkerkunde, nicht aber in ein Kulturinstitut".

1938 wird in Düsseldorf eine Ausstellung mit dem Titel "Entartete Musik" eröffnet - eine Fortsetzung der Propaganda, die 1937 mit der Ausstellung "Entartete Kunst" in München begonnen hat. Neben international bekannten Komponisten wie Hanns Eisler, Paul Hindemith und Arnold Schönberg werden in Düsseldorf auch Swing und "Nigger-Jazz" diffamiert.

Goebbels unterhält eigene Jazz-Band

Da, wo er nützlich scheint, wird Jazz allerdings geduldet. Hitlers Propaganda-Chef Joseph Goebbels weiß sehr genau, dass Großmutters Walzer nicht nach dem musikalischen Geschmack der jungen Soldaten ist. Wehrmacht-Sender in den besetzten Ländern genießen deshalb Narrenfreiheit, manche haben sogar eigene Jazz-Kapellen. Auch Goebbels unterhält eine eigene Jazz-Band - für Propaganda-Sendungen, die nach Großbritannien ausgestrahlt werden. Die Texte von amerikanischen und englischen Hits werden umgeschrieben. So heißt der populäre Song "Your're driving me crazy" plötzlich "The Germans are driving me crazy" ("Die Deutschen machen mich wahnsinnig"). Ein Satz, den die deutschen Propagandisten dem britischen Premier Winston Churchill in den Mund legen.

Goebbels' Sänger ist Karl - genannt Charlie - Schwedler. Das Orchester, bei dem auch jüdische Musiker mitspielen müssen, heißt "Charly and his Orchestra". Auch in den Konzentrationslagern wird Jazz gespielt. Der KZ-Überlebende Henry Meyer: "Ich bin von Auschwitz nach Birkenau überführt worden und war dort Mitglied der Kapelle. Am Abend haben wir Jazz gespielt. Und die Nazis waren ganz närrisch."

Stand: 12.10.2005