Stichtag

9. November 1989 - Die DDR öffnet ihre Grenzen

Es gibt Ereignisse, da wissen viele Menschen noch Jahre später, wo sie zu diesem Zeitpunkt waren - so wie beim Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989. Doch manchmal trügen die Erinnerungen: Tatsächlich hat die DDR an diesem Tag gar keine Grenzöffnung verkündet. Sie wurde quasi versehentlich von den Westmedien herbei gesendet. Die Chronologie eines Missverständnisses beginnt kurz vor 19 Uhr. Seit rund 50 Minuten berichtet auf einer Pressekonferenz in Ostberlin das DDR-Politbüromitglied Günter Schabowski über eine Sitzung des Zentralkomitees der SED. Es geht um ein neues Wahlrecht und um geplante Wirtschaftsreformen.

Unter den anwesenden Medienvertretern herrscht Langeweile, bis sich ab 18.57 Uhr die Ereignisse überstürzen. Ein italienischer Journalist, der einen Tipp bekommen hat, fragt nach neuen Reiseregeln. Der überraschte Schabowski liest von einem zugeschobenen Zettel ab: "Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen - Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse - beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt." Geplant sind eigentlich geordnete Reisen in den Westen auf Antrag, mit Visum und bis auf Weiteres nur mit einem Reisepass. "Einen Reisepass hatten in der DDR fast ausschließlich die Rentner, drei Viertel der Bevölkerung hatte keinen", sagt Hans-Hermann Hertle vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Alleine die Beantragung eines Passes nähme vier bis sechs Wochen Anspruch.

"Meines Wissens ist das sofort, unverzüglich"

Doch dann geht alles viel schneller. Nach seinen kryptischen Äußerungen wird Schabowski mit Fragen überhäuft. Auf die Frage, wann die neue Regelung in Kraft trete, antwortet er um 19.01 Uhr: "Meines Wissens ist das sofort, unverzüglich." Darauf springen die Westmedien an. Um 19.05 Uhr sei die amerikanische Presseagentur AP vorgeprescht, sagt Historiker Hertle. Sie "ließ alle einschränkenden bürokratischen Details beiseite und interpretierte die Reiseregelung als Grenzöffnung." Um 19.56 Uhr meldet die Deutsche Presse Agentur sogar Vollzug: "Die DDR hat am Donnerstag ihre Grenzen zur Bundesrepublik und Westberlin geöffnet." Auch die ARD-"Tagesschau" beginnt um 20.00 Uhr mit der Meldung "DDR öffnet Grenze".

Tatsächlich sind zu diesem Zeitpunkt noch alle Grenzübergänge geschlossen. Auf den Straßen ist es beinahe so ruhig wie immer. Gegen 20.30 Uhr stehen gerade einmal 80 Menschen an verschiedenen Berliner Grenzübergängen, wie Hertle anhand von Protokollen der Volkspolizei recherchiert hat. Doch im Westen wiederholen Radio und Fernsehen immer wieder die Sensationsmeldung von der vermeintlich sofortigen Grenzöffnung. In Ostberlin beginnen die Berichte, allmählich zu wirken. Gegen 21.30 Uhr stehen nun rund 1.000 Menschen an den Grenzübergängen. Volkspolizisten und Grenztruppen sind ratlos: "Liebe Bürger, es ist nicht möglich, Ihnen hier und jetzt die Ausreise zu gewähren."

DDR-Fernsehen scheitert mit Richtigstellung

Die Staatssicherheit entschließt sich zu einer pragmatischen Lösung. Besonders "provokatorische Personen" dürfen ausreisen, ihr Personalausweise werden jedoch ungültig gestempelt. Sie sind somit - ohne es zu wissen - ausgebürgert. Die Westmedien interpretieren das Durcheinander anders. Für sie ist nun klar: Die Grenze ist offen. Kurz vor 22.00 Uhr unterbricht das DDR-Fernsehen sein Programm. Der Sprecher der Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera" versucht eine Richtigstellung: "Die Reisen müssen beantragt werden." Doch der Versuch der Gegensteuerung habe nicht funktioniert, sagt Historiker Hertle. Denn in der Zwischenzeit habe die Berliner Redaktion der ARD-"Tagesthemen" eine Liveschaltung zum Grenzübergang Invalidenstraße aufgebaut.

In der Sendung erklärt Moderator Joachim Friedrichs den 9. November zum historischen Tag: "Die DDR-Führung hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind. Die Tore in der Mauer stehen weit offen." Gezeigt werden allerdings, so Wissenschaftler Hertle, Bilder der nach wie vor geschlossenen Grenzübergänge an der Heinrich-Heine-Straße, am Checkpoint Charlie und an der Invalidenstraße. Unter Berufung auf Augenzeugen melden die "Tagesthemen" dennoch, es sei "offenbar bereits möglich, mit dieser neuen Regelung völlig komplikationslos nach Westberlin zu kommen." Doch laut Hertle gibt es erst nach diesen Berichten für Zehntausende in Ost und West kein Halten mehr. In der Nacht kapitulieren die DDR-Behörden schließlich. Unter dem Ansturm werden die Grenzen geöffnet.

Stand: 09.11.2014

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