Stichtag

26. März 1959 - Todestag von Raymond Chandler

Philip Marlowe ist einer der berühmtesten Ermittler der Kriminalliteratur: Einzelgänger, zynisch, unbestechlich, chronisch pleite. Für 25 Dollar am Tag plus Spesen lässt sich Marlowe anheuern. Dafür prügelt, schießt und säuft er sich durch das kriminelle Los Angeles. Nur Scheidungssachen lehnt er ab.

"Ich bin genau wie die Figuren in meinen Büchern. Ich bin hart im Nehmen und bekannt dafür, dass ich ein Wiener Hörnchen mit bloßen Händen zerbreche. … Ich halte mich nicht für einen Meisterschützen, aber mit einem nassen Handtuch bin ich ziemlich gefährlich", sagte der Autor Raymond Chandler einmal selbstironisch. Er und sein Kollege Dashiell Hammett begründen die Tradition der amerikanischen Hardboiled-Novels, der hartgesottenen Kriminalromane, deren Merkmale Härte, Knappheit und Lakonie sind.

Mit 44 Jahren muss Chandler von vorn anfangen

Raymond Chandler wird am 23. Juli 1888 in Chicago geboren. Sein Vater, ein Alkoholiker, verlässt die Familie für eine andere Frau. Die Mutter kehrt mit dem Sohn zurück in ihre Heimat England, wo der talentierte Raymond eine gute Ausbildung erhält. 1912 kommt er in die USA zurück, kämpft freiwillig im Ersten Weltkrieg, hat über ein Dutzend verschiedene Jobs bis hin zum Vizepräsidenten einer kleinen Ölgesellschaft. Und er wird seinem Vater immer ähnlicher.

Raymond Chandler ist schüchtern, unsicher, trinkt und hält sich an starke Frauen, zuerst an seine Mutter. Zwei Wochen nach ihrem Tod heiratet er die 18 Jahre ältere Zissy. Dennoch hat er zahlreiche außereheliche Affären. Und schließlich verliert er seinen Job. Mit 44 Jahren muss Raymond Chandler ganz von vorn anfangen. Er hat viel Zeit und die verbringt er mit billigen Krimiheftchen, wie dem Black Mask Magazine. "Während ich mit dem Auto die Pazifikküste rauf und runter fuhr, fing ich an Groschenhefte zu lesen. Einfach weil sie billig genug waren, dass man sie wegschmeißen konnte. Und es machte mich betroffen, als ich merkte, dass manches von dem Geschreibsel stilistische Kraft besaß und ehrlich war", sagte er in einem Interview.

Chandler: "Ich schrieb The Big Sleep in drei Monaten"

Chandler beschließt, Schriftsteller zu werden. 1933 veröffentlicht er eine erste Kriminalgeschichte im Black Mask Magazine. Sechs Jahre verdient Chandler sein Geld mit kurzen Geschichten, bis 1939 sein erster Roman erscheint. "Ich schrieb 'The Big Sleep' in drei Monaten", erinnert er sich. "The Big Sleep", "Der große Schlaf", wird ein Bestseller. Chandler hat selbst über seinen Helden Marlowe gesagt: "In diesen gemeinen Straßen muss ein Mann gehen, der selbst nicht gemein ist. Der weder blind noch furchtsam ist. Er ist der Held. Er ist alles. Er muss ein gewöhnlicher und auch ein ungewöhnlicher Mann sein. Er muss der beste Mann der Welt sein und gut genug für jede andere Welt."

Sieben Mal lässt Chandler Philip Marlowe ermitteln. Seine Bücher werden in Hollywood verfilmt. Doch immer wieder legen ihn Alkoholexzesse lahm. Als seine Frau Zissy schwer erkrankt, leidet Chandler wie ein Hund. "Ich habe erlebt, wie meine Frau Stückchen für Stückchen gestorben ist. Und unter der Qual dieser Erfahrung schrieb ich mein bestes Buch. Wie weiß ich nicht."

Selbstmordversuch im Vollrausch

"The Long Good-Bye", "Der lange Abschied", erscheint 1953. Nach dem Tod seiner Frau trinkt er bis zum Umfallen und versucht sich in der Dusche seines Hauses im Vollrausch zu erschießen. Im März 1959 wird er mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert, wo er am 26. März 1959 stirbt. Sein Ende hat er in seinem letzten Roman "Playback" vorweggenommen. "Nach einer Weile werden sie das Sauerstoffzelt über mich stellen und die Vorhänge um das kleine, weiße Bett zuziehen. Und ich werde, ohne es überhaupt zu merken, die einzige Sache der Welt tun, die kein Mensch zwei Mal tun muss."

Stand: 26.03.2014

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