Stichtag

29. Januar 1979 - Amoklauf an Schule im kalifornischen San Diego

Überall auf der Welt spielen Radiosender montagmorgens gern "I Don't Like Mondays" von den Boomtown Rats. Der von Sänger Bob Geldof komponierte Rocksong passt scheinbar gut zu einem müden Start in die Woche – so lange man nicht auf den Text achtet. Denn Geldof singt nicht über Bürotrott und Alltagsprobleme, sondern erzählt von einer Mörderin und ihrer unfassbaren Tat. Es ist die wahre Geschichte der Brenda Spencer aus Kalifornien.

Die Sechzehnjährige wohnt mit ihrem geschiedenen Vater in einem gutbürgerlichen Vorort von San Diego. Von ihrem Fenster aus sieht sie auf den Hof einer Schule. Brenda ist ein unauffälliges Mädchen, nur 1,52 Meter groß, schmal und damals noch mit langen blonden Haaren. Ihr stolzester Besitz ist ein halbautomatisches Gewehr, das ihr der Vater zu Weihnachten geschenkt hat. "Sie konnte ausgezeichnet schießen", wird ein Polizeibeamter später bezeugen.

"Ich mag keine Montage"

Am Morgen des 29. Januar 1979, einem Montag, schießt Brenda Spencer nicht wie sonst auf Vögel und Konservendosen. Von ihrem Fenster aus nimmt sie die Grover Cleveland Elementary School ins Visier und eröffnet das Feuer. Innerhalb von 20 Minuten gibt sie etwa 40 Schüsse ab. Dabei trifft sie den Direktor der Schule und einen Hausmeister tödlich. Acht Kinder und ein Polizist werden verletzt. Die Nachricht von der Schießerei verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Es ist die erste Amoktat an einer US-amerikanischen Schule seit 52 Jahren.

Der Zeitungsreporter Gus Stevens versucht sofort, etwas über den noch unbekannten Heckenschützen herauszufinden. Er ruft die Häuser in der Nachbarschaft der Schule an und beginnt zufällig bei den Spencers. Brenda ist allein zu Hause. Sie nimmt ab und erklärt geradeheraus, dass sie auf die Schule feuert. Auf Stevens' Frage nach ihrem Motiv antwortet sie gelassen: "Das ist zum Muntermachen. Montags werd ich nämlich immer melancholisch. Ich mag keine Montage." Kurz darauf belagern über hundert Polizisten und Spezialeinsatzkräfte das Haus der Spencers.

Vorzeitige Entlassung abgelehnt

Inzwischen hat das ganze Land von den dramatischen Ereignissen erfahren, an vielen Schulen bricht Panik aus. Immer wieder versucht die Polizei telefonisch, Brenda zur Aufgabe zu bewegen, doch das Mädchen legt jedes Mal wieder auf. Währenddessen sitzt der Sänger Bob Geldof nur wenige Kilometer entfernt in einem Radiostudio. Dort verfolgt er das Geschehen hautnah und verarbeitet seine Eindrücke musikalisch. Fast sieben Stunden nach den ersten Schüssen kommt Brenda Spencer plötzlich aus dem Haus, legt ihre Waffe auf den Rasen und lässt sich, äußerlich völlig ungerührt, abführen.

Sechs Monate später kommt "I Don't Like Mondays" heraus und wird zum größten Erfolg der Boomtown Rats. Gegen die minderjährige Schützin verhandelt das Gericht wegen der Schwere des Verbrechens nach Erwachsenen-Strafrecht. Brenda Spencer bekennt sich schuldig und wird zu zweimal 25 Jahren Haft verurteilt.  Jahre später sagt sie bei der Verhandlung über ein Gnadengesuch aus, sie sei vom Vater sexuell missbraucht worden: "Ich hatte damals so viele Probleme - zu Hause und in der Schule. Und ich nahm jede Menge Drogen." Zuletzt wird 2009 eine vorzeitige Entlassung der inzwischen 46-jährigen abgelehnt. Das nächste Gnadengesuch ist erst 2019 möglich.

Stand: 29.01.2014

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