Stichtag

20. Oktober 1923 – Kinderbuchautor Otfried Preußler wird geboren

Einmal ist der kleine Otfried Preußler in der guten Stube beim "Waldheger Junker" zu Gast. In den Holzfugen schimmert grünlich das Moos im flackernden Schein der Petroleumlampe, an den Wänden hängen Jagdtrophäen.

Dann beginnt der Waldheger Junker seine Geschichten zu erzählen – und Preußler hat "den Eindruck gehabt, die Tiere des Waldes, die schauen hinein in die Stube, der Hirsch mit seinem Geweih und die Rehe, und draußen der Wind und das Wetter". Später wird er versuchen, diesen Eindruck auch bei seinen Lesern zu erzeugen.

Erzählungen der Kindheit

Geboren wird Preußler am 20. Oktober 1923 als Sohn eines heimatforschenden Lehrers im böhmischen Reichenberg. Als Junge wird er in der Fuhrmannsherberge seines Urgroßvaters mit den Raubschützen, Zauberern und Nebelfrauen, Poltergeistern und Hutzelweibchen aus dem Sagenkosmos seiner Heimat groß, die Reisende oder die Großmutter erzählen. Mit seinem Bruder durchstreift er die verwunschenen Wälder der Region oder spielt auf dem Dachboden Kasperletheater.

Direkt nach dem Abitur wird Preußler mit 19 Jahren zum Leutnant ausgebildet und an die Ostfront geschickt. 1944 gerät er für fünf Jahre in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Die Zeit im Arbeitslager im Ural übersteht er nach eigenen Aussagen vor allem dank der tröstlichen Zauberkraft der alten Geschichten aus der Heimat. 

Sagen der Heimat weiterdichten

1949 kehrt Preußler aus der Kriegsgefangenschaft zurück zu seiner vertriebenen Familie ins bayerische Rosenheim. Hier heiratet er auch seine Braut Annelies, mit der er drei Töchter hat; mit Annelies lebt er bis zu ihrem Tod 2008 zusammen. Durch einen Schnellkurs als Volksschullehrer findet er den Kontakt zu seinem zukünftigen Publikum.

1956 erscheint mit "Der kleine Wassermann" ein Kinderbuch Preußlers, das bewusst eine Sagengestalt aus seiner böhmischen Heimat zum Titelhelden macht. Es wird mit dem Deutschen Kinderbuchpreis ausgezeichnet und macht seinen Autor fast über Nacht bekannt.

Den kleinen Lesern Ängste nehmen

Danach produziert Preußler mit "Die kleine Hexe" (1958), "Der Räuber Hotzenplotz" (1962) und "Das kleine Gespenst" (1966) in rascher Folge weitere Klassiker der deutschen Kinderbuchliteratur, wobei er den Ängsten der Kinder vor Monstern und Fabelwesen durch leisen Humor begegnet und dem Grauen so den Schrecken nimmt.  

Von Preußlers Büchern wird der mehrfach verfilmte "Räuber Hotzenplotz", dem 1969 und 1973 zwei Fortsetzungsbände folgen, Preußlers größter Erfolg. Als eine Art nacherzähltes Kasperletheater entsteht das Buch vor allem als Erholung vor einem Jugendbuchprojekt, mit dem sich der Autor zehn Jahre lang herumquält. Es ist die düstere Geschichte über einen jungen Mann, der, von bösen Mächten fasziniert, zu spät bemerkt, worauf er sich eingelassen hat. Sie kommt 1971 unter dem Titel "Krabat" in den Buchhandel und gilt vielen Kritikern nicht zuletzt als Allegorie auf den Nationalsozialismus.

Preußler stirbt 2013 in Prien am Chiemsee. Bis heute wurden seine vielfach ausgezeichneten Kinder- und Jugendbücher in 55 Sprachen übersetzt und über 50 Millionen Mal verkauft.

Stand: 20.10.2013

Programmtipps:

Auf WDR 2 können Sie den Stichtag immer gegen 9.40 Uhr hören. Wiederholung: von Montag bis Freitag gegen 17.40 Uhr und am Samstag um 18.40 Uhr. Der Stichtag ist nach der Ausstrahlung als Podcast abrufbar.

"ZeitZeichen" auf WDR 5 (9.05 Uhr) und WDR 3 (17.45 Uhr) erinnert am 20. Oktober 2013 ebenfalls an Otfried Preußler. Auch das "ZeitZeichen" gibt es als Podcast.