Stichtag

3. August 1903 – Habib Bourguiba wird geboren

Über Facebook erfolgt im Januar 2011 ein Aufruf an alle Tunesier, gegen den Unrechtsstaat und die Diktatur des regierenden Präsidenten Ben Ali zu demonstrieren - und zwar auf der Avenue Habib Bourguiba. Der Ort ist ganz bewusst gewählt: Denn die Prachtstraße in der Innenstadt von Tunis ist nach jenem Mann benannt, der das Land in die Unabhängigkeit von der französischen Kolonialmacht führte. Tausende Tunesier kommen.

"Wir wussten, dass etwas passieren musste", wird die Enkelin von Habib Bourguiba, Merim Bourguiba-Laouti, später sagen. "Das ist der Grund, warum wir auf die Straße gegangen sind." Dass es genau diese Straße sein musste, war auch den Demonstranten klar.

Keine Chance für Faschisten

Habib Bourguiba wird am 3. August 1903 als achtes Kind eines tunesischen Leutnants in Monastir geboren. 1927 heiratet er eine Französin und macht an der Pariser Sorbonne sein Diplom in Politik und Jura: beides beste Voraussetzungen, um sich im Land eine gut bezahlte Karriere als Anwalt aufzubauen.

Aber in Frankreich mit seiner Philosophie der Menschenrechte und der politischen Selbstbestimmung ist auch Bourguibas Überzeugung gewachsen, seine Heimat aus der Hand der Kolonialherren befreien zu müssen. Er kehrt nach Tunesien zurück und gründet dort 1934 die später in RCD umbenannte Neo-Destour-Partei, die offensiv für die Unabhängigkeit des Landes eintritt.

Fünf Jahre später wird Bourguiba für sein Engagement verhaftet. 1942 befreit ihn ein deutsches Offizierskommando und bringt ihn zu Benito Mussolini nach Rom, dem es aber nicht gelingt, ihn für den Faschismus zu begeistern.

Präsident auf Lebenszeit

1952 kommt Bourguiba erneut in Haft und wird nach Frankreich verschleppt. Noch vom Gefängnis aus verhandelt er mit der Regierung über die Unabhängigkeit Tunesiens. Im März 1956 werden die entsprechenden Verträge unterzeichnet. Ein Jahr später wird Bourguiba erster Präsident der neuen Republik.

Die Republik Tunesien richtet Bourguiba nach westlichem Vorbild aus. Frauen bekommen Wahlrecht, die Vielehe wird abgeschafft, die Scheidung legalisiert und freier Zugang für alle Bürger zu Bildungsmöglichkeiten eröffnet. Gleichzeitig aber unterdrückt der Präsident brutal linke Parteien und die islamische Opposition. 1975 lässt er sich in seinem Amt auf Lebenszeit bestätigen. Aus dem Freiheitskämpfer wird ein autoritärer Präsident, der der Partei seinen Stempel und dem Staat den Stempel der Partei aufdrückt.

1987 wird der inzwischen greise Bourguiba von Ministerpräsident Ben Ali entmachtet, der seinerseits ein Terrorregime aufbaut. Bourguiba wird in seiner Villa in Monastir unter Hausarrest gestellt, wo er 2000 stirbt. Ben Ali selbst muss 2011 vor den Demonstranten nach Saudi Arabien fliehen.

Die Proteste richten sich auch gegen Bourguibas Staatspartei RCD. Trotzdem gilt ihr Gründer vielen Tunesiern immer noch als Volksheld.

Stand: 03.08.2013

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