Stichtag

16. Juli 1958 - Die "Zehn Gebote der sozialistischen Moral" verkündet

Die DDR im Jahr 1958: Der niedergeschlagene Arbeiteraufstand gegen das SED-Regime liegt gerade einmal fünf Jahre zurück. Die Machtposition des Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht ist gefestigter als je zuvor. Die Kritiker in den eigenen Reihen hat er kaltgestellt: Der Philosoph Wolfgang Harich wird als Mitglied einer staatsfeindlichen Gruppe zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Das Politbüromitglied Karl Schirdewan wurde aus dem Politbüro und dem SED-Zentralkomitee ausgeschlossen, weil er auf eine Aufarbeitung der stalinistischen Phase in der DDR gehofft hatte.

In Ost-Berlin findet vom 10. bis 16. Juli 1958 der fünfte Parteitag der SED statt. Die Delegierten machen sich Gedanken über die "Vollendung des Sozialismus in der DDR", die für das Jahr 1965 vorgesehen ist. Ulbricht lässt beschließen: "Die Volkswirtschaft der DDR ist innerhalb weniger Jahre so zu entwickeln, dass die Überlegenheit der sozialistischen Gesellschaftsordnung gegenüber der Herrschaft der imperialistischen Kräfte im Bonner Staat eindeutig bewiesen wird." Der Grund für die Zuversicht: Kurz vor dem Parteitag ist die Rationierung von Lebensmitteln abgeschafft worden, die Wachstumsraten der Industrie steigen, die Zahl der Republikflüchtlinge hat vorübergehend leicht abgenommen.

"Neuer, sozialistischer Mensch"

Ulbricht formuliert als konkretes Ziel, dass "der Pro-Kopf-Verbrauch unserer werktätigen Bevölkerung mit allen wichtigen Lebensmitteln und Konsumgütern den Pro-Kopf-Verbrauch der Gesamtbevölkerung in Westdeutschland erreicht und übertrifft". Um das zu erreichen, setzt er auf den "neuen, sozialistischen Menschen", der sich an die "grundlegenden sozialistischen Moralgesetze" hält. Ulbricht postuliert auf dem Parteitag dafür eigens die "Zehn Gebote der sozialistischen Moral und Ethik" - offenbar in Anlehnung an die Zehn Gebote des christlichen Glaubens.

Das erste Gebot Ulbrichts lautet "Du sollst dich stets für die internationale Solidarität der Arbeiterklasse und aller Werktätigen sowie für die unverbrüchliche Verbundenheit aller sozialistischen Länder einsetzen". In den weiteren geht es unter anderem um die Liebe zum "Vaterland", die Beseitigung der "Ausbeutung des Menschen durch den Menschen" und die "sozialistische Arbeitsdisziplin". Auch das Gebot "Du sollst das Volkseigentum schützen und mehren" gehört ebenso dazu wie "Du sollst gute Taten für den Sozialismus vollbringen, denn der Sozialismus führt zu einem besseren Leben für alle Werktätigen."

"Verspießerung durch materielle Vorteile"

Praktische Auswirkungen auf den DDR-Alltag haben Ulbrichts Glaubenssätze kaum. Eine Zeit lang werden die zehn Gebote noch zitiert. Dann wird es still um sie. 1971 schreibt die SED-Parteizeitung "Neues Deutschland" über die DDR-Bevölkerung: "Es gibt nicht wenige Anzeichen der Verspießerung durch materielle Vorteile, die nicht immer mit dem übereinstimmen, was die Betreffenden der Gesellschaft geben." Für solche Leute sei eine Denkweise charakteristisch, die der Volksmund sarkastisch in die Maxime fasse: "Haste was, dann biste was."

Wenige Wochen später wird Ulbricht entmachtet: Angeblich aus gesundheitlichen Gründen tritt er als SED-Generalsekretär zurück. Sein Nachfolger wird Erich Honecker. Ulbricht darf zwar weiterhin Staatsratsvorsitzender bleiben, doch Honecker stuft den Staatsrat zu einem reinen Repräsentativorgan zurück.

Stand: 16.07.2013

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