Stichtag

27. Mai 1832 - Das "Hambacher Fest" beginnt

Sie schwenken rot-schwarz-goldene Fahnen: Am 27. Mai 1832, einem strahlenden Pfingstsonntag, marschieren in der Pfalz rund 20.000 Menschen hinauf zur Burg Hambach. Die patriotisch gesinnten Bürger, Kleinunternehmen, Handwerker, Bauern und Tagelöhner demonstrieren für Freiheit, Einheit und Volkssouveränität. "Vaterland - Freiheit - ja!", ruft der Journalist Philipp Jakob Siebenpfeiffer der Menge entgegen. "Ein freies deutsches Vaterland - dies ist der Sinn des heutigen Festes."

Das "deutsche Vaterland" besteht 1832 aus 34 souveränen Kleinstaaten - regiert von Königen, Fürsten und Herzögen, getrennt durch Zollschranken und Gesetze. Vereint sind die Bürger lediglich durch Gängelung, Ausbeutung und Unterdrückung. "Dieses schöne Land wird verwüstet und geplündert, zerrissen und entnervt, geknebelt und entehrt", ruft der zweite Wortführer in Hambach, der Publizist und Politiker Johann August Wirth.

Besonders große Unzufriedenheit in der Pfalz

Das Hambacher Fest hat viele Wurzeln. Schon während der Französischen Revolution werden Rufe nach nationaler Einheit und Selbstbestimmung laut. Der unter der Führung Preußens geführte Kampf gegen die napoleonische Besatzung weckt bei der deutschen Bevölkerung Hoffnungen auf demokratische Mitbestimmung. Die nach dem Wiener Kongress 1815 einsetzende Restauration und ihr Bemühen, die alte absolutistische Ordnung wiederherzustellen, dämpfen die Einheits- und Freiheitsbestrebungen zunächst.

1830 lässt die französische Juli-Revolution in ganz Europa Freiheitsbewegungen ausbrechen: in Belgien, Griechenland, Italien, Polen und auch im Deutschen Bund. In Sachsen, Hannover, Hessen und Braunschweig kommt es zu Aufständen gegen die absolutistischen Herrscher. Doch in keinem deutschen Staat ist die Bereitschaft zur Auseinandersetzung so groß wie in der Pfalz. Dort ist die wirtschaftliche Unzufriedenheit besonders groß und die französischen Einflüsse noch wirksamer, da das Gebiet nach den Revolutionskriegen bis 1814 zu Frankreich gehört hat.

Geplantes Volksfest umfunktioniert

Die Pfalz, die seit 1816 zu Bayern gehört, wird von der bayerischen Regierung durch hohe Steuern ausgebeutet. Massenarmut macht sich breit. Jeder fünfte Pfälzer ist am Vorabend des Hambacher Festes wegen Forstvergehen angeklagt. Der strenge Winter 1831/1832 hat die Menschen zum verbotenen Holzsammeln in den Wald getrieben. Pfälzer Journalisten gründen 1830 den "Deutschen Vaterlandsverein zur Unterstützung der freien Presse". In Flugschriften fordern sie Pressefreiheit, Mitbestimmung und die Einheit Deutschlands. Dass die einen Patrioten die Monarchie stürzen und die anderen sie bewahren wollen, trennt sie angesichts ihres gemeinsamen Gegners zunächst noch nicht.

Gemeinsam funktionieren die Patrioten eine geplante Wanderung zum Hambacher Schloss um: Was ursprünglich als Volksfest mit Weinausschank und Tanz gedacht war, wird zur politischen Demonstration. Das "Hambacher Fest" ist ein Meilenstein für die liberal-demokratische Bewegung. Nach dem Fest zerbricht der Bund der Patrioten allerdings bald. Die Obrigkeit nutzt die Gelegenheit, ihre Kritiker ins Gefängnis zu werfen und den Rest der Bürger noch stärker zu unterdrücken als zuvor. Trotz der Repression formiert sich die Opposition allmählich neu. Doch auch die Revolution von 1848 scheitert.

Stand: 27.05.2012

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