Stichtag

4. Mai 1927 – Trude Herr wird geboren

1980 stirbt Trude Herr zum ersten Mal – zumindest auf der Bühne. In Köln ist sie in dem anspruchsvollen Einakter "Et versoffe Lenche" zu sehen: als Alkoholikerin, die sich in einer Kneipe zu Tode tanzt. Für das Publikum, das Herr bisher nur in komischen Rollen kannte, ist das Volksstück eine echte Herausforderung.

"Ich wollte auch ein bisschen, dass den Leuten das Lachen im Halse stecken bleibt", sagt Herr über ihre Ambitionen: wie das Lachen über "diese Frauen, die in Kneipen kommen, und man lässt sie tanzen, und man lässt sie trinken, bis diese Frau tot ist."

Das Fett kultivieren

Geboren wird Herr am 4. Mai 1927 in Köln. Ihre Kindheit beschreibt sie als entbehrungsreich: Das Gefühl des Hungers wird sie ebenso prägen wie eine auf Solidarität mit den Unterdrückten und Bedürftigen ausgerichtete Erziehung. Zur Zeit des Nationalsozialismus verschwindet ihr kommunistischer Vater für Jahre im Gefängnis und im KZ. Die Mutter muss die drei Kinder alleine durchbringen. Nach dem 2. Weltkrieg verdient Trude Herr ihr erstes Geld mit Engagements bei einer Wanderbühne und beim Kölner Millowitsch-Theater.

Als es nach der Währungsreform 1948 endlich wieder etwas zu essen gibt, wird Herr zur hemmungslosen Genießerin. "Davon bin ich so dick geworden, dass es hieß, dass ich schöne Mädchen nicht mehr spielen könne", wird sie sich später erinnern. "Und dann habe ich gedacht: Aber spielen musst du, sonst stirbst du. Und da habe ich das Fett kultiviert."  Von nun an sind ihr die komischen Rollen auf den Leib geschrieben.

"Ich will keine Schokolade"

Mitte der 50er Jahren ist Herr als eine der wenigen weiblichen Darsteller einige Jahre im Kölner Sitzungskarneval aktiv. In ihren Büttenreden greift sie den gehässigen Ton der Straße auf, wobei sie kein verständlicher gemachtes Kölsch spricht, sondern den echten Dialekt. Ihre Rolle als farbiges Besatzungskind bringt ihr 1956 einen Nachwuchspreis ein.

Kurz darauf gelingt Herr als Schlagersängerin mit dem "Quatschkopp-Marsch" (1959) und dem Millionen-Hit "Ich will keine Schokolade" (1960) der Durchbruch – nicht in Köln, sondern in Berlin. Als Schauspielerin steht sie fortan an der Seite von Heinz Erhardt, Conny Froboess, Vivi Bach, Freddy Quinn und Harald Juhnke vor der Kamera – auch wenn sie sich mit den Heile-Welt-Filmen ebenso wenig anfreunden kann wie ihrem Ulknudel-Image.

Ab auf die Fidschi-Inseln

Privat bleibt Herr eine Vagabundin. In Beziehungen gilt sie als eigenwillig und freiheitsliebend, statt in Köln zu bleiben, wo man von ihr erwartet, ein Original der Stadt zu sein, erkundet sie lieber die weite Welt. 1987 übersiedelt sie nach der Vorstellung ihrer letzten Platte "Ich sage, was ich meine" auf die Fidschi-Inseln.

Auf dem Album ist auch der Hit "Niemals geht man so ganz" zu hören, den Trude Herr gemeinsam mit Wolfgang Niedecken von der Kölschrock-Band BAP und Tommy Engel von der Mundart-Gruppe "Bläck Fööss" intoniert: ein Abschiedslied, das die gesundheitlich schon angeschlagene  Sängerin als eine Art Vermächtnis hinterlässt.

Trude Herr stirbt 1991 im Alter von 63 Jahren in Lauris bei Aix-en-Provence in Frankreich.

Stand: 04.05.2012

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