Stichtag

8. April 217 - Attentat auf Roms Kaiser Caracalla

Folgt man den Aufzeichnungen antiker Historiker, dann herrschte unter Roms Kaisern an blutrünstigen Tyrannen, Wüstlingen und Psychopathen wahrlich kein Mangel. Erst im Licht der modernen Geschichtsforschung wurde manche über die Jahrhunderte tradierte Verteufelung eines Herrschers hinterfragt und konnte als propagandistische Verleumdung feindlich gesonnener Autoren entlarvt werden.

In ihrer vernichtenden Schilderung der an Scheußlichkeiten reichen Regierungszeit von Kaiser Caracalla haben dessen Chronisten aber wohl nur wenig übertrieben. "Alle hassten ihn aufs bitterste, sowohl Senatoren als auch die übrige Bevölkerung, Männer und Frauen", urteilt der Geschichtsschreiber Cassius Dio. Und Werner Eck, Althistoriker der Universität Köln, pflichtet dem antiken Kollegen noch heute bei: "Es wäre doch besser gewesen, es hätte diesen Kaiser nicht gegeben".

Durch Brudermord zum Alleinherrscher

Der im Jahr 188 geborene Caracalla gehört zur Dynastie der Severer. Sein aus Libyen stammender Vater Septimius Severus hatte es als erster Abkömmling einer Provinzfamilie zum römischen Kaiser gebracht. Mit acht Jahren wird Caracalla wie sein jüngerer Bruder Geta zum Mitkaiser erhoben. Mit 17 Jahren zwingt ihn der Vater, die Tochter des verhassten Prätorianerpräfekten Plautian zu heiraten. Caracalla rächt sich, indem er Plautian Attentatspläne unterstellt, ihn ermorden lässt und die ungeliebte Gemahlin verbannt. Kaum ist der Vater im Jahr 211 gestorben, ersticht Caracalla auch seinen Bruder und Mitregenten Geta in den Armen seiner Mutter.

"Überhaupt ließ er niemanden am Leben, der seinem Vater oder seinem Bruder gedient hatte“, schreibt der Zeitzeuge Herodian, und Cassius Dio klagt: "Rom verstümmelte er, indem er die Stadt ihrer tüchtigsten Männer beraubte.“ Zur Verhöhnung der Aristokratie kleidet sich Caracalla nicht in der vornehmen römischen Toga, sondern im derben Kapuzenmantel germanischer Barbaren, Caracallus genannt. Damit handelt sich Caesar Marcus Aurelius Severus Antoninus, so der offizielle Kaisername, seinen bis heute geläufigen Beinamen ein. Um sich zumindest die Loyalität seiner Legionen zu sichern, erhöht Caracalla den Sold aller Soldaten um 50 Prozent. Zur Deckung der Kosten erlässt er die "Constitutio Antoniniana", ein Dekret, das allen Bewohnern des Imperiums das römische Bürgerrecht zubilligt – und sie damit zugleich zu steuerpflichtigen Untertanen macht.

Massaker in Alexandria

Mit den zusätzlichen Einnahmen finanziert Caracalla auch Prachtbauten wie etwa die monumentalen Thermen an der Via Appia, deren Ruinen noch heute beeindrucken. Übereinstimmend berichten Cassius Dio und Herodian von heftiger werdenden Schüben geistiger Umnachtung und immer maßloserem Größenwahn des Kaisers, der sich nun für den wiedergeborenen Alexander den Großen hält. Als Caracalla deshalb im Jahr 215 bei einem Besuch im befreundeten Alexandria verspottet wird, befiehlt er seinen Soldaten ein Massaker unter der Bevölkerung, dem unzählige Männer, Frauen und Kinder zum Opfer fallen. Schließlich setzt ausgerechnet ein bislang untadeliger und treuer Gefolgsmann Caracallas, der Prätorianerpräfekt Macrinus, dem Morden des unberechenbaren Tyrannen ein Ende.

Während eines Feldzugs gegen die Parther erfährt Macrinus von Gerüchten, dass er in Rom als künftiger Kaiser im Gespräch sei. Nun muss er handeln, um der Rache Caracallas zuvorzukommen. Es gelingt Macrinus, einen Leibwächter auf seine Seite zu ziehen. Die Gelegenheit zum Mordanschlag ergibt sich am 8. April 217. Als der Kaiser ein dringendes menschliches Bedürfnis erledigen will und alle Umstehenden sich demütig abwenden, stürzt der Attentäter vor und rammt dem 29-jährigen Herrscher einen Dolch in den Leib. So findet Caracalla mit heruntergelassenen Hosen auf dem Abort sein unwürdiges Ende. Vier Tage später lässt sich Macrinus zum Kaiser ausrufen. Als erste Amtshandlung erklärt er seinen Vorgänger zum Staatsgott.

Stand: 08.04.2012

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