Stichtag

13. Januar 1992 - Studie "Freizeit 2001" wird vorgestellt

"Die Angst vor der Langeweile des Lebens - das ist das Grundproblem der Menschen überhaupt", sagt der Hamburger Freizeitforscher Horst Opaschowski. Berühmt wird der Pädagogik-Professor zu Beginn der 90er Jahre als "Zukunftspapst" und "Mister Freizeit". Denn am 13. Januar 1992 erscheint unter seiner Leitung die Studie "Freizeit 2001" des BAT-Freizeitforschungsinstitutes. Opaschowski beschreibt darin eine Welt, in der die Freizeit mehr Probleme als Freude bringt. "Mehr Freizeit ist nicht automatisch mit mehr Lebensqualität gleichzusetzen." Für die repräsentative Erhebung sind 2.000 Personen in Westdeutschland befragt worden, die älter als 13 Jahre sind. 82 Prozent der Teilnehmer fürchten die Umweltbelastung durch den Autoverkehr, 73 Prozent die zunehmende Landschaftszerstörung durch Freizeitanlagen, 56 Prozent den Bedeutungsverlust der Ehe. Zwei Drittel geben an, Angst vor Schulden zu haben, wenn der Konsum weiter zunehme. Die Autoren der Studie schlussfolgern aus der Umfrage: Bei der Flucht vor der Langeweile würden viele Menschen abenteuerlicher, aggressiver und gewalttätiger leben. "Thrilling" werde ein neues Freizeitphänomen: Wie Hooligans, Autoraser und Bungee-Jumper suche der Freizeitmensch nach Nervenkitzel und Angstlust. Freizeit, so Opaschowski, mache uns nicht automatisch glücklich.

Das neue Wort vom "Freizeitstress"

Während der Zeit der industriellen Revolution arbeiteten die Menschen 16 Stunden am Tag, geruht wurde einzig am Sonntag. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts wird die Arbeitszeit immer kürzer: Der Samstag bleibt arbeitsfrei, später kommt für manche Arbeitnehmer die 35-Stunden-Woche. Opaschowski, seit den 70er Jahren Freizeitforscher, fragt nach den Folgen: "Was passiert eigentlich mit den Menschen, wenn ihnen plötzlich die Arbeit genommen wird?" Seine Antwort Anfang der 90er Jahre lautet: Wer den Stress nicht im Arbeitsleben hat, der sucht ihn sich anderswo. Der arbeitsverkürzte Mensch leide unter "Freizeitstress" – ein Wort, das Horst Opaschowski selbst erfunden hat. Die Unfähigkeit, mit dem arbeitsfreien Teil des Lebens umgehen zu können, werde zu einem Hauptproblem des nächsten Jahrzehnts, so Opaschowski. "Der Mensch kann nicht ruhig verweilen – er muss etwas um die Ohren haben!" Die Kritiker der Studie melden sich umgehend zu Wort. Ein Pfarrer betont drei Tage nach Veröffentlichung in einer Münchner Zeitung: "Bei den meisten Menschen wird die freie Zeit immer noch ziemlich traditionell gestaltet." Diejenigen, die mit teuren Sportgeräten am Freitagnachmittag in die Ferne brausen, an Seilen von Brücken springen oder auf dem Mountainbike die Wälder unsicher machen, repräsentierten keinesfalls die Gesellschaft.

Wo Opaschowski irrte

Heute, 20 Jahre später, sieht sich Horst Opaschowski in vielen Punkten seiner Analyse im Recht. "Diese Computerisierung hat Folgen – die permanente Präsenzbereitschaft, die Beschleunigung des Lebens. Sie sind in einer Stressrallye und kommen da nicht mehr raus. Deshalb greifen Nervosität und Aggressivität weiter um sich – auch so eine Prognose von vor 20 Jahren." Er betont jedoch, vor allem in einem Punkt geirrt zu haben: Der Zusammenhalt zwischen den Menschen sei stärker geworden, ein Zeitalter der "neuen Ernsthaftigkeit" habe begonnen. Opaschowski: "Je weniger die Menschen der Wirtschaft und der Politik vertrauen, umso mehr rücken die Menschen zusammen und fragen: Was bleibt uns eigentlich? Es ist die Familie, der Freundeskreis, die Nachbarschaft. Der Zusammenhalt ist gefragt." In der Studie "Freizeit 2001" von 1992 las sich das noch so: "Weil das Freizeit-Ego stärker wird, kann sich der sozialfähige Mitmensch in Zukunft kaum behaupten."

Stand: 13.01.2012

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